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Rom zu Füßen

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Rom zu Füßen | story.one

Die Götter haben es so eingefädelt: Die Züge rumpeln die letzten Kilometer nur noch in Schrittgeschwindigkeit. Vorbei an abgestumpften Hinterhoffassaden, Mauern und Wänden einer Großstadt. Nicht in Rom. Schon beim Einrollen ins Innere verleiht die Ewige Stadt ihrer Farbenfreude einen majestätischen Ausdruck – koloritüppigstes Graffiti. Noch während der Fahrt in den pulsierenden Kopfbahnhof Roma Termini versinke ich im Farbenmeer.

Nicht anders wie in der Ära des Römischen Reiches die Stadt ihre Reisenden empfing, wenn sie durch wuchtige Torbögen, vorbei an kräftig farbenfrohen Säulen, Reliefen, Statuen und weiteren Zeugen damaliger Zeitgeschichte das Zentrum füllten. Im Forum Romanum lässt sich das damalige Wandeln nachempfinden, leider nur Grau in Grau – nach der Farbenlehre Goethes eine Unfarbe. Auf dem Marktplatz des römischen Lebens ist der Glanz der antiken Polychromie schon lange erloschen.

In meinem Gesicht noch die Spuren einer schlaftrunkenen Nacht, ergießt sich ein taufrischer Morgenhimmel ins Weichbild der Stadt. »In dieser Berührung schwand alle Nacht von den Dächern, fiel zurück in die Abgründe der Gassen, Straßen und Plätze, und aus dem Grau brachen die rötlichen und braunen Ziegel und das Ocker und Gelb der Fassaden, während sich der Himmel mit durchscheinendem Blau bezog.«¹

Kurz zwei Caffè im Greco, und dann treffe ich mich mit Johann Wolfgang von Goethe im Park der Villa Massimo. Dort, wo Rom sein prächtigstes Farbentheater aufführt, werden wir über die Wechselwirkung von Licht und Finsternis in der Aquarellmalerei reden. Wo sonst?!

»Mächtig, schwer, überladen sind die Stadtfarben Roms. Verglichen mit seinem Gelb erscheint das Gelb der Papstfarbe, obwohl es dasselbe ist, wenn auch neben das Weiß gesetzt, leicht, luftig; und sein Purpur könnte man nur erlangen, wenn man ein schon dunkles Rot mit Violett oder Ultramarinblau noch steigern würde. Dabei finden sie sich in der Natur, und ganz gewöhnliche Blumen erinnern an sie: Butterblumen und Lungenkraut zum Beispiel.«². Davon erzählt der Wind, der mich in leisen Bewegungen durch das Labyrinth der Gassen begleitet. Aus den Fugen zwischen den Steinen entströmt ein zarter Duft von wilden Kräutern und Gewürzen, sie im Plausch mit Bienen und Hummeln – ich hätte mich gerne auf dem Monte Testaccio mit Marcus Gavius Apicius bei einem Glas Mulsum über seine »De re coquinaria«³ unterhalten.

Später dann, weit oben, weit hinten, weit unten haben sich der Sternenhimmel und das Lichtermeer der Stadt nahtlos in das samtige Nachtblau eingraviert. Myriaden von Glühwürmchen durchziehen die verbliebene Dunkelheit mit feinen Leuchtpunkten. Und direkt vor mir lausche ich dem faszinierenden Farbengleichklang der Pinien und der Nachtigall darin, Ottorino Resphigi kommt mir auf dem Weg zum Gianicolo entgegen. Er führt mich zur »Fontana di Villa Medici«⁴, wo der Brunnen die Schwermut des Sonnenuntergangs spielt.

»O wie fühl ich in Rom mich so froh!«⁵

© Bernd Lange 2021-02-27

leidenschaftReisenTraumzeitPOESIE eines Moments

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