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#reisen#whatislove#changesinlife

rot-weiß kariert

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rot-weiß kariert | story.one

Ein beherzter Einkehrschwung konnte es nicht werden. Mein Begehren nach einem Kaffee wird zunächst durch ein geschlossenes Gartentörchen ausgebremst. Zügig weiter gehts dann doch: Geflissentliches Servicepersonal führt mich – wie auch angekündigt – an einen Tisch im idyllischen Gastgarten. Das Gatter, die Latten im erdnahen Bereich leicht bemoost, öffnet sich; über Kies, zwischen dem sich Gras wie wild Luft verschafft hatte, geht es zum empfohlenen Platz: hier oder auch da, wie Sie wünschen! So, wie ichs mir auch gewünscht habe.

Ich machs mir bequem: auf einem Stuhl, eisenfüßig, Lattenholzfläche mit Kissen belegt, rot-weiß kariert, standfest im Kies; vor mir ein runder Tisch, gleiche Bauartreihe wie die Stühle, mit Tischdecke ebenfalls in Rot-Weiß. Lauschig unter Kastanienbäumen, die noch nicht scharf sind, aus ihrem Bastelladen im Geäst ihre stachelige oder glattpolierte Munition auf die Menschheit unter sich loszulassen. Mit Blick auf den See, der sich hinter dem Uferpromenadenweg hübsch auf den Weg macht, mit Unterstützung der Sonne seine Reize voll auszuspielen. Etwas störend vielleicht, dass zunehmend emsig flanierende Figuren die Sicht aufs Wasser versperren.

Der Gasthof zur Linde also … man will ja nicht gleich kleinlich sein, dass es Kastanien sind, die den Garten vor direkter Sonneneinstrahlung schützen. Die Restauration selbst hat ihre glanzvollen Zeiten schon hinter sich: morbider Charme, eine Architektur aus den Wirtschaftswunderzeiten, als der See vom Reiseboom überschwemmt wurde, hinübergerettet ins Jetzt. Die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen, sowohl optisch als auch inhaltlich, wie ich etwas später am Gaumen erkennen musste. Ich mag ja gern das mit Patina überzuckerte Nostalgische, doch nicht unbedingt essen.

Die um Freundlichkeit bemühte Bedienung, die sie hinter ihrem Mundschutz, rot-weiß kariert, geschickt verbirgt, bringt mir die Karte. »Gutbürgerlich«, so der Titel, dazu das Prädikat »regionale Küche«. Mit einem Lächeln in den Augen, einem Dirndl um den Körper, ohne tiefe Einblicke zu erlauben, die Bluse geknöpft bis oben – sowohl Bluse unter als auch eine Schürze über dem Dirndl wiederum in Rot-Weiß – nimmt sie meine Bestellung entgegen. Über ein durchgängiges Corporate Design haben sich die Wirtsleute akkurat Gedanken gemacht.

Ein Kaffee, draußen nur im Kännchen, die Milch eingeschweißt im Plastikdöschen – ob es eine regionale Bohne ist, habe ich mir verkniffen zu fragen; ein Stück Käsekuchen – davon ausgehend, dass der Quark aus regionaler Milchzapfung von einheimischen Kühen erzeugt wurde –; alternativ gabs noch Schwarzwälder Kirsch, den ich allerdings eher als überregionales Angebot betrachtet habe.

Gutbürgerlich? – nach schulpädagogischen Maßstäben eher ausreichendbürgerlich. Den schütteren Kaffee im Magen, den schütteren See im Blick, meine schütteren Gedanken ganz woanders … eine vage Melancholie sitzt neben mir und verdreht seltsam die Augen.

© Bernd Lange 2020-11-21

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