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#begegnungen#bühnenleben#menschenverbinden

Schlimmer geht immer

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Schlimmer geht immer | story.one

Keine Frage, die Schwäbische Alb liegt nicht annähernd irgendwo in Indien. Doch wenn das Theater Lindenhof in ihrer Melchinger Dorfgaststätte »Indien« spielt, dann fehlt dem Publikum zunächst jegliche Orientierung. Für die einen gnadenlos schrecklich … schrecklich komisch. Für die anderen begnadet irrsinnig … irrsinnig tragisch.

Man muss sie nicht mögen, die Wirtschaft. Man muss keinen Appetit haben, auf Schnitzel mit Pommes. Man muss sie nicht erleben, die Stammtischparolen nach spätestens dem dritten Bier. Doch mangels einer Alternative an diesem Abend bleibt den Gästen einzig der »Lindenhof«. Das Schicksal des Zufalls bringt Menschen an die Tische, die unterschiedlicher nicht sein können.

Einzig die beiden Gäste, die lediglich am leicht erhöhten Stammtisch noch einen Platz finden, spielen eine Rolle − es war reserviert. Sie müssen dort zusammensitzen, dort essen, sich dort betrinken. Von Amts wegen dienstreisen sie durch die Provinz, kontrollieren im Auftrag des Fremdenverkehrs die Gastronomie, also das, was wir alle verzehren − der eine die Qualität der Schnitzel, der andere die Quantität des Bierpegels im Glas.

Die beiden − auch sie, wie sie unterschiedlicher nicht sein können: Der eine ein fleischschmatzender Prolet, grob balzend und bolzend − einer, der sich in den Niederungen seines belanglosen Daseins als bekennender Schrebergärtner eingerichtet hat, sich wohlig darin suhlt. Der andere ein subtil besserwisserischer Kleinbürger − von Bier zu Bier unerträglicher schwadronierend über sein aus Trivial Pursuit Spielen angeeignetes Wissen, im steten Wechsel zwischen oberflächlichen Banalitäten und tiefgründiger Absurdität schwankend.

Auffallend − so, wie es ist, wenn zwei diametral zusammengewürfelte Menschen gemeinsam am Tisch sitzen − ihre Unterschiede: Während links gerülpst wird, wird rechts der Mund abgewischt; während da Verdauungsprobleme dramatisiert werden, wird dort Fingerbohren und Zungenschnalzen zwischen den Zähnen ausgereizt; während einerseits Zoten gerissen und andererseits Tränen vergossen werden, wenn es um ihre jeweils eigenen Szenen der Ehe geht. Einig sind sie sich immer dann, wenn sie die Wirtsleute − den Wirt hinter seinem Tresen und seine Frau in der Küche − hemmungslos und peinlich genüsslich schikanieren können.

Und spätestens dann, wenn sich zwischen Zunge und Gaumen erste Koordinierungsschwächen zeigen und ihre Blicke ratlos verschwommen durch den Gastraum torkeln, bekommt das Publikum sein schlieriges und schmieriges Fett ab. Die vom Regisseur gewollte Reaktion: gepflegter Tumult − ein verbaler Genuss, eine gefühlt emotional gefüllte Gaststätte.

Die Tragik der beiden vom Schicksal gebeutelten Hauptgäste kippt ins unendlich Komische ihrer wahren Realität … vielleicht ist es kein Zufall, dass am Ende alle Gäste das Gefühl haben, irgendwie von einem besseren Ort als erlebt wieder nach Hause zu kommen − wenn man so will, aus »Indien« eben.

© Bernd Lange 2022-05-22

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