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Woodstock der Worte

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Woodstock der Worte | story.one

Das Alte Schützenhaus im Stuttgarter Süden … in den Jahren vor und nach der Jahrtausendwende die abgefuckteste, die abgewrackteste Pilgerstätte für die Rock- und Folkrock-Szene. Hier gaben sie sich die Hand, die Bands, die die Bude zum Brodeln brachten. Am 26. Juni 2001, einem stinknormalen Dienstag, gerieten die Mauern des Musentempels ins Wanken … keine angesagte Gruppe, kein Konzert, bei dem die Fans reihenweise in Ohnmacht fielen. Nichts dergleichen – eine Lesung war angekündigt, Literatur, gesprochen, unplugged.

Die Bühne: leer, bis auf einen Stehtisch, darauf eine Leselampe, eine Flasche Wasser, ein Glas. Der Saal: wie immer, zum Bersten voll, keine Stühle, man saß auf dem Tanzboden, man lehnte an Wänden. Dann kam er auf die Bühne, ein blasser Scheinwerfer führte ihn zum Tisch. Tosender Applaus, der sich zur Hysterie hochschwang. Da stand er, wartete, bis er drankam: »Er untersuchte das Ding, dieses Buch, dieses Artefakt. Er wog es in einer Hand. Starrte auf den Titel. Blätterte darin.« … T. C. Boyle las aus seinem neuesten Werk ⟩Ein Freund der Erde⟨.

Und so fing er an: »So fängt es an, in einer Sommernacht, die so vollgestopft ist mit Sternen, dass die Milchstraße aussieht wie eine weiße Plastiktüte, aufgehängt im Dach des Himmels. Kein Mond allerdings – der hätte nur gestört.« –Die Bühne dunkel, einzig das Leselicht, diffuser als der Mond. Es war seine Stimme, der Klang seiner Worte, der das Publikum in den Bann zog. Ein Sprechkonzert – Boyle beherrschte die Musik der Sprache bis in die höchsten Töne.

Wenn er seine Worte aus ⟩Ein Herz und eine Seele⟨ mit dem Bogen über die Saiten streichen ließ, wie »Regen. Und dann hören wir die ersten Akkorde der Titelmelodie, zunächst nur eine Geige, die in der Tradition des Mittleren Westens trauernd triumphiert, dann setzt das ganze Orchester ein, tränenreich, schön, heroisch …«.

Wenn er aus seiner Geschichte ⟩Schluss mit Cool⟨ Harfenklängen gleich den Satz »Wohin sie auch gingen […], waren ihre Finger ineinander verschlungen, ihre Schultern berührten sich, und ihre Hüften schwangen gemeinsam im langsamen, triumphalen Tanz der Liebe …« melodierte.

Wenn über seine Stimmbänder »Wir waren neunzehn. Wir waren böse. Wir lasen André Gide und nahmen ausgeklügelte Posen ein, um zu zeigen, dass wir auf alles schissen. Abends fuhren wir meistens zum ⟩Greasy Lake⟨ rauf …« kam, als würde er ekstatisch auf ein Schlagzeug hämmern.

T. C. Boyle – er allein machte aus dem Alten Schützenhaus ein Woodstock der Worte. Der Saal tobte – ohne Ende … Zugabe und Signierstunde ist leider nicht drin, verabschiedete er sich nach ewigen Minuten der Ovationen, er müsse heute noch nach München, um von dort nach Paris zu fliegen. Es stinkt ihm, dass er gerade durch Europa rumgereicht wird, mit diesen Worten verlor er sich im Dunkel der Bühne.

Ich habe mir seine Zugaben selbst gegeben. Kein Buch von Boyle, das ich nicht gelesen habe. Was heißt gelesen? Es war jedes Mal seine konzertante Stimme, die mich gelesen hat.

© Bernd Lange 2021-11-07

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