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Ausstieg in Fahrtrichtung links ❲Gleis 1❳

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Ausstieg in Fahrtrichtung links ❲Gleis 1❳ | story.one

Zug fahren ... schon von Kind an ein Abenteuer für mich: die Eroberung eines Fensterplatzes, die Spannung, wenn ich mich unbedingt an den Griff der Notbremse hängen wollte, das Kapern der auf den Bahnsteigen entlangrollenden Würstchenbuden. Spätestens, als die Dampfloks auf Abstellgleise in Ruhestand gingen, als Hinauslehnen verboten nicht mehr nötig war, als nurmehr schwarze Tunnelwände und seltsam gefärbte Schallschutzmauern die Sicht auf vorbeifliegende Landschaften versperrten, blieb die Faszination des Bahnfahrens auf der Strecke - um im Bahnsprech zu bleiben: sie hatte seine Zugkraft für mich verloren.

Und doch: Immer noch verführt mich eine magische Anziehung zum Reisen im Zug. Obwohl die Bahn inzwischen ein Höllentempo vorlegt - das allerdings nicht der Pünktlichkeit zugute kommt -, fühle ich mich entschleunigt wohl auf der Schiene.

Mit diesem Gedankenschaufeln - ein Gedankenschaukeln gibt's ja auf den Hochgeschwindigkeitsstrecken nicht mehr - reise ich wieder mal im ICE, nein, ich lasse mich reisen. Mein Blick aus dem Fenster verschwimmt zusehends - ohne Dramaturgie zerfließen Dauerregentropfen waagerecht entgegen der Fahrtrichtung. Ich schlafe mich ins Gedankenlose. Für Mitreisende ein bemitleidenswerter Anblick: in mich zusammengesunken, den Kopf hängend im Zwischenraum der beiden Sitze, meinem und dem freien neben mir. Üblicherweise solange, bis die nächste Haltstation angekündigt wird, der Bahnsteig dieses Mal auf der rechten Seite.

Es sollte anders kommen. Ich habe den letzten Halt überschlafen und werde durch ungewohnte Fliehkräfte wachgebremst. Der Zug steht inmitten durchnässter Wälder, ich hänge verloren mit schiefem Kopf im Fauteuil - etwas verdattert, weil neben mir ein Fahrgast sitzt, obwohl die beiden gegenüberliegenden Sitze frei sind. Ok, denke ich mir, fahrtrückwärtssitzend ist nicht jedermanns Sache, dennoch bleiben Restvorkommen an Irritation.

Eine Frau ist es, leicht zu erriechen am angelegten Duft, der von ihr ausströmt. Und auch die Hände lassen keinen Zweifel - dunkelrot lackierte Fingernägel verlieren sich selten auf Männerhänden. Mehr kann ich nicht erkennen - in meiner derzeitigen Halbhöhenlage ist mein Blickfeld ziemlich eng und starr. Und: Es wäre mir peinlich, jetzt mein Gesicht neugierig auf ihr Gesicht zu lenken, zumal aus meiner derzeitigen Position heraus.

Ich mache es mir durch leichtes Hochrücken ein wenig bequemer. Sie nimmt absolut keine Notiz davon - ich habe inzwischen den Eindruck gewonnen, dass sie mich noch gar nicht wahrgenommen hat, dass überhaupt jemand neben ihr sitzt. Ich rutsche wieder ein Stück tiefer in meinen Sitz.

[Aufgrund einer technischen Betriebsstörung im Schreibablauf ist diese Geschichte für kurze Zeit unterbrochen. Ein Anschluss der Lesereise besteht in wenigen Minuten auf story.one-Gleis 2 am selben Bahnsteig gegenüber. Im Namen der Deutschen Bahn wünsche ich allen ein störungsfreies Weiterlesen.]

© Bernd Lange 2020-10-18

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