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Zurück auf die Sonnenseite der Insel

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Zurück auf die Sonnenseite der Insel | story.one

>Boeing / Piz-Buin-Bräune / Brüste und Beautiful People am Pool / Bomben aufs Prospekt-Paradies / das jeden Abend bestattet wird / mit Bingo an der Bar / und der Borniertheit von Beknackten<

Genau 50 Jahre ist es her: meine erste Begegnung mit einer Insel, die sich aufmachte, Millionen von urlaubshungrigen Pauschaltouristen zu einem Reiseziel fernab mitteleuropäischer Breitengrade anzulocken. Mit der äußerst fragwürdigen Maßgabe, die Kultur, die Natur, die über Jahrtausende gewachsene Strukturen der Kanaren gnadenlos zu zerstören. Um Horden von Reisetyrannen ein exotisch angehauchtes Urlaubsgefühl zu vermitteln, das unserem Lebensstil daheim entspricht – mit dem einen Unterschied, unseren Winter zu ihrem Sommer zu machen.

Ich gestehe, ich habe mich seinerzeit locken lassen … Asche über mein Haupt. Meine Empfindungen, meine Wahrnehmungen, meine Erlebnisse? Sie in prosaischen Worten auszudrücken, ging mir in jungen Jahren nicht leicht von der Hand; lyrisch – das erkannte ich schon früh – mit diesem Sprachgenre kam ich nicht zurecht. Genauso wenig, wie ich mit meinen Begegnungen auf Teneriffa nicht klarkam. Mein damaliges Elaborat am Anfang dieser Geschichte ist ein beredtes Zeugnis.

50 Jahre später nun sollte mir der Zufall ein Geschenk zuspielen: Ich durfte die Insel erneut betreten – mit recht gemischten Gefühlen. Ich wurde versöhnt – Teneriffa hat mich mit ihrem rauen und doch zephirischen Charme eingenommen … überall dort, wo der Moloch Massentourismus nicht Fuß fassen konnte. Die Insel hat ihren ganz eigenen Charakter wahren können, ja, sie konnte ihn sich zurückerobern.

Ich wollte es mir geben, nochmals das damals frisch aus dem Boden gestampfte, zubetonierte Urlaubsresort aufzusuchen. Ein beschwerlicher Weg war es, stundenlang mehrere hundert Meter oberhalb des Meeres über unwegsame, steil abfallende Felsen zu stolpern, um aus der Vogelperspektive 300 m unter mir den inzwischen gottverlassenen Trümmerhaufen eines einst auf Hochglanz polierten Fünfsterne-Eldorados zu betrachten. Ich gestehe, mit Genugtuung zu betrachten. Die Natur der Insel hat ganze Arbeit geleistet – sie holt sich zurück, was ihr gehört.

Es fing damit an, dass die ins Lavagestein gehauene, einzige Zufahrtsstraße wegen Absturzgefahr von Felsbrocken gesperrt werden musste. Die salzfeuchten Stürme vom Atlantik im Zusammenspiel mit den Fallwinden von den Gebirgsmassiven im Inselinnern nagten an allem, was ihnen an Beton und Stahl in den Weg gestellt wurde. Und als dann ein in der Bauplanung nicht vorhergesehenes Seebeben die bereits dem Verfall überlassene Bucht vollkommen überschwemmte, war das Schicksal des einst so beliebten Urlaubsdomizils endgültig für immer besiegelt.

Wie habe ich mich gefreut, das Meer bewundert, die Natur – Obst, das nach Sonne schmeckt, Gemüse, das nach Erde schmeckt … Scheiß auf den Abstand, ich hab alles ganz fest umarmt. Ich hab mich verloren in die Insel – sie hat sich wiedergefunden …

© Bernd Lange 2021-08-18

Reif für die InselZeitKlima- und Umweltschutz

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