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#fiction#politics#humanity

Morgengrauen

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Morgengrauen | story.one

Jess starb an einem wunderschönen Morgen, der in ein atemberaubend orangenes Licht getränkt war. Es war der schönste Sonnenaufgang den Jess je gesehen hatte. Der Morgen war noch taufrisch und am Himmel waren zartweiße Wolkenfetzen zu sehen, die von der Morgensonne beleuchtet wurden. Es war eigentlich einer jener Morgen, an die man aus keinem bestimmten Grund noch lange zurückdenkt, einfach, weil er so schön war.

Der Morgen hatte mit einem Spaziergang über die üppigen Felder begonnen. Endlich den Kopf freizubekommen und über alles was passiert war nachzudenken, war beruhigend und befreiend gewesen. Mit jedem langsamen Schritt durch die angenehm kühle Morgenluft war es immer klarer geworden: Jess war gerade dabei sich zu verlieben. Mit einem flüchtigen, aber innigen Lächeln nahm dieser junge Mensch die soeben gewonnene Erkenntnis an.

Jess war bis zum äußeren Hügel gewandert. Dort, wo die Pufferzone endete, die errichtet worden war, um die Säuberungen zu stoppen. Der Konflikt war an diesem perfekten Morgen aber egal gewesen. Das Einzige, worum sich die Gedanken gedreht hatten waren das Gesicht, dessen Nähe Glück, Frieden und Rückzug bedeutete. Ein weiteres Lächeln. Diesmal eher ein Grinsen.

Ein hallender Knall und zwei kurze, intensive Stiche waren alles, was zu vernehmen war. Danach setzte der gnädige Schock ein und betäubte den Schmerz. Jess versuchte einzuatmen, aber es schien, als ob kein Sauerstoff in der Luft lag. Den Blick auf den Körper gerichtet, konnten die von Tränen getrübten Augen das Blut sehen, welches aus den beiden Schusswunden austrat. Wie von selbst machten sich beide Hände daran auf die Blutung zu drücken. Ein taubes Kribbeln fuhr in die Fingerspitzen und machten die Koordination schwer.

Jess konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und sank zu Boden. Die Luft wollte einfach nicht in die Lungen kommen. Dafür kam die Müdigkeit. Diese kalte, tiefe Müdigkeit. Jeder Wimpernschlag wurde länger und mit letzter Kraft richtete Jess den Blick auf den Himmel. Diesen wunderschönen Himmel. Dann konnte Jess nur mehr die Soldaten hören, die lachten und euphorisch schrien.

Wieso Jess an diesem wundervollen Morgen sterben musste weiß niemand so recht. Vielleicht hatte Jess das falsche Geschlecht, die falsche Religion, die falsche Haut, war in das falsche Dorf geboren worden, oder hatte schlicht und einfach die falsche Meinung. Wahrscheinlich aber musste Jess sterben, weil irgendjemand unbedingt recht haben wollte.

Als Jess die letzten Herzschläge spürte, war es aber auch ganz egal. Denn eigentlich, wollte dieses Herz weiterhin für die Liebe schlagen; im Morgengrauen, erhellt vom schönsten Sonnenaufgang seit Ewigkeiten.

© Bernhard Prunner 2021-06-11

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