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#aufwachen#schlaflosigkeit#insomnia

Insomnia

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Insomnia | story.one

Ich schlage meine Augen auf und spüre den Bettdeckenzipfel über meinem rechten Ohr. Automatisch spule ich den allmorgendlichen Prüfvorgang in meinem Kopf ab:

1. Anscheinend habe ich geschlafen und bin soeben aufgewacht. Check.

2. Mir tut nichts weh. Check.

3. Gleich springt mein Wecker mit den Sechs-Uhr-Nachrichten an, um zu verkünden, dass es Zeit zum Aufstehen ist. Check.

Check? Wirklich? Wie spät ist es? Ich lasse meine Augen im Uhrzeigersinn kreisen und scanne meine Umgebung. Es ist verdächtig dunkel um mich herum. Mein Blick wandert dorthin, wo ich das Fenster vermute. Ich kneife meine Augen zusammen und hoffe, Hinweise zu finden. Hinweise auf einen ersten Sonnenstrahl, der sich durch die Ritzen der geschlossenen Jalousie seinen Weg in mein Schlafzimmer bahnt. Ich halte meinen Atem an und lausche, so als könnte ich diesen hereinbrechenden Sonnenstrahl hören. Doch nichts. Es ist still und es bleibt dunkel. Stockdunkel. Zugegebenermaßen zu dunkel für die Sechs-Uhr-Nachrichten. Ich wende mich vom Fenster ab, drehe mich um und ziehe den Bettdeckenzipfel über mein linkes Ohr.

„Schlaf einfach weiter“, höre ich eine beruhigende Stimme in meinem Kopf flüstern. Ich seufze tief, doch noch während des Ausatmens spüre ich plötzlich meinen Herzschlag. Bum-----Bum----Bum---- Dann schneller und kräftiger: Bum! Bum! Bum! Ich spüre wie sich mein Brustkorb weitet. Er plustert sich auf wie ein Airbag, um die immer stärker werdenden Herzschläge abzufedern. Ohne Erfolg. Ich wälze mich auf die andere Seite, ziehe die Bettdecke nun ganz über meinen Kopf und warte. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals: Bum! Bum! Bum! Ich halte meinen Atem an und lasse ihn kontrolliert durch meinen Mund entweichen. Mein Herz rast weiter: Bum! Bum! Bum! Panisch reiße ich unter meiner Bettdecke die Augen auf.

„Ganz ruhig“, versucht mich die Stimme in meinem Kopf zu besänftigen, „bestimmt ist alles halb so schlimm und du hast ausreichend geschlafen."

Mein Geist ist plötzlich hellwach, bereit für die anstehende Rechenaufgabe: Vor Mitternacht bin ich nicht eingeschlafen. Das ist sicher, denn um viertel vor zwölf habe ich noch ein letztes Mal auf die Uhr geschaut. Für sechs Uhr ist es aktuell noch zu dunkel. In meinem Kopf rattert es. Also ist es vielleicht fünf? Macht fünf Stunden Schlaf. Definitiv zu wenig. Aber vielleicht ist es ja auch schon halb sechs? Oder kurz vor sechs? Vielleicht wird es ja schlagartig hell? Wer weiß.

Mir ist heiß, mit meinen Füßen strample ich die Bettdecke weg.

„Schau jetzt nicht auf die Uhr!“, befehle ich mir selbst. Mein Herz pocht wild: Bum! Bum! Bum!

„Fuck!“, brülle ich nach einer gefühlten Ewigkeit in mein klammes Kissen. Ich kapituliere. Ich brauche Gewissheit. Ich wälze mich herum, ertaste den Wecker auf meinem Nachttisch und drücke die oberste Taste. Mein Schlafzimmer wird in schwaches, bläuliches Licht getaucht. Ganz langsam drehe ich meinen Kopf Richtung Wecker und wage den Blick auf die Anzeige. Ich erstarre. 2.42 Uhr.

© Bianca Lampart 2021-04-08

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