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A Mensch möchte i bleiben

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A Mensch möchte i bleiben | story.one

Auch wenn es zuweilen schwerfällt, angesichts der aktuellen Krisen nicht in Egoismus, Abwehrhaltung oder Scheuklappendenken zu verfallen… Wichtig scheint, über alledem sich selbst und die eigene Menschlichkeit nicht zu verlieren.

Es zahlt sich aus, zu reflektieren, die persönlichen Positionen zu überdenken, einzutauchen in Ereignisse der Vergangenheit. Nicht bewertend sondern lernend. So unternahmen wir im März 2022 eine Bildungsreise ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Gemeinsam mit den beiden Söhnen und den Schwiegertöchtern (sorry Anna für die Verallgemeinerung) fuhren wir über Tschechien nach Polen. Nur zwei Wochen zuvor hatte der russische Angriff auf die Ukraine begonnen. Zuweilen kamen wir dem Krieg ganz nahe. Überkopfanzeigen auf der Autobahn beschworen „Stop the War“ oder „Solidarity with Ukraine“ Flüchtlingstransporte kamen uns entgegen und am KZ Gelände zeigten Hundertschaften von Soldaten der US-Airborn Division Präsenz.

Die Ausstellungen im KZ waren ebenso bedrückend wie berührend. Da der Koffer eines Mädchens, das mit Kreide seinen Namen „Hanna“ auf das Gepäckstück geschrieben hatte, in der Überzeugung, es irgendwann zurückzubekommen, die unzähligen Paar Schuhe, die abgeschnittenen Haare. Plötzlich war alles greifbar. Grauen und Verzweiflung. Die Zahl der hier ums Leben gekommenen belief sich auf rund 1,5 Millionen Menschen. Die Anspannung auf so historischen Boden war kaum aushaltbar, nur durch die Nähe und gegenseitige Stütze in der Familie.

Tatsächlich sollte uns der Krieg kurze Zeit später noch näher kommen. Als ein Bekannter einen Transport in die Ukraine organisierte, um Flüchtlinge nach Österreich zu bringen, boten wir spontan an, wen bei uns aufzunehmen. Mit dem ersten Transport nach Salzburg kamen Menschen, die zusammen bleiben wollten. In ihren Gruppen, ihren Familien. Unser Angebot wurde daher dankend abgelehnt. Über Wochen bekamen wir keine neuen Nachrichten. Man hielt allerdings unser Angebot in Evidenz. Dann kam der Anruf, dass nun doch eine private Unterkunft für zwei Frauen gebraucht würde. Für Mutter und Tochter, siebzig und vierzig Jahre alt aus der Nähe von Charciv im Osten der Ukraine. Das erste Kennenlernen verlief harmonisch, wenngleich die Sprachbarriere zunächst kaum überwindbar war. Wir behalfen uns mit einer Handy App und so entstand nach einer Weile wirklich eine Art Gespräch. Mit allen Tücken automatischer Übersetzung. "Wir haben heute den Bürgermeister gefrühstückt" ist ein solches Beispiel, das ich nie richtig entschlüsseln konnte.

Wir hatten auf Anhieb einen Draht zueinander. Wohlwollend dankbare Blicke sagen ohnehin mehr als Worte. Nun sind also die Beiden bei uns ins Gartenhaus eingezogen. Sicher wird es, abseits jeder Sozialromantik, wohl auch zu Problemen kommen. Machen wir uns da einmal nichts vor. Aber für alles wird sich eine Lösung finden, auch wenn ich zuweilen etwas Angst vor der eigenen Courage habe.

© Caroline Kleibel 2022-06-24

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