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Damals mit 15

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Damals mit 15 | story.one

Kürzlich brachte das ZEITmagazin eine Reportage über Menschen, die sich an ihr fünfzehntes Lebensjahr zurückerinnerten. Zum Erstaunen der Redaktion wussten alle Befragten etwas zu erzählten von ihren Erfahrungen an der Schwelle zum Erwachsenwerden.

Eine Anregung für mich, auch einmal Rückschau zu halten.

1970, ich war zehn Jahre alt, zog meine Mutter mit mir von Innsbruck in die Tiroler Kleinstadt Kufstein. Genau zu dieser Zeit entwickelte sich die „Perle am grünen Inn“ ob ihrer Grenznähe zu Deutschland zu einem veritablen Drogen Hotspot. Vieles kannte ich damals vom Hörensagen, doch ganz allmählich zogen sich die Kreise immer enger. Der erste Drogentote in meiner unmittelbaren Umgebung war der Sohn einer Lehrerin. Die ganze Klasse versammelte sich an seinem Grab. Sicher, es herrschte vordergründige Betroffenheit. Andererseits ergötzten sich viele am Tod des Teenagers. Die Stimmung schwankte zwischen Naserümpfen und einer ganz eigenen Faszination für den Jugendlichen, der neben Marihuana und Heroin auch Halluzinogene wie LSD konsumiert hatte. Die Trauer der Mutter war greifbar. Ihre vage Hoffnung, dass der Tod des Sohnes, der Schock darüber, andere davor zu bewahren vermochte, seinem Weg zu folgen. Ein frommer Wunsch, der nicht bei allen in der jugendlichen Trauergemeinde ankam. Viele sahen Rauschmittel als Abenteuer und waren zutiefst davon überzeugt, den eigenen Konsum im Griff zu haben, ihn beliebig steuern zu können. Was natürlich nicht der Fall war. Eine Hymne aus dieser Zeit war Juliane Werdings Ballade über den toten Freund: „Am Tag, als Conny Kramer starb“. Auch das war nicht Warnung genug.

Nach vier Jahren, knapp 15, kehrte ich nach Innsbruck zurück und wohnte bei einer Urgroßtante. Meine Kufstein Besuche hielten sich fortan in Grenzen und jedes Mal, wenn ich hinkam, musste ich wieder von Drogenopfern aus dem Umfeld meiner ehemaligen Schule erfahren. Und wenn sie nicht tot waren, so doch schwer gezeichnet von Missbrauch und Abhängigkeit. Unter denen, die nicht überlebten, war meine damals beste Freundin Monika. Sie war zwar nicht unmittelbar an Drogen verstorben, aber im Rausch über die Autobahn getorkelt und überfahren worden. Erst später erfuhr ich, dass Moni bei ihrem tödlichen Unfall schwanger gewesen war.

Wenngleich etwas jünger als ich hatte sie mich jeden Morgen am Weg zum Schulbus abgeholt. Die langen blonden Haare zerzaust zu einem schlampigen Pferdeschwanz gebunden, von dem immer Schlaufen, wie kleine Hörnchen abstanden. Erst nachdem ich ihre Frisur geglättet hatte, konnten wir losstapfen.

Noch weitere Freunde aus diesen Jahren verstarben früh. Günther, der mit dem Auto in den Inn raste und ertrank oderDaniela, eine derjenigen, die überzeugt waren, es „im Griff“ zu haben. Bei einer zufälligen Begegnung sagte sie zu mir - abgemagert und mit glasigem Blick aus hohlen Augen - „Schau nur, was aus mir geworden ist“. Es gibt schönere Erinnerungen als jene an das Jahr, indem ich 15 war.

© Caroline Kleibel 2022-05-31

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