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#vorfreude#zutrauen#seieinfachduselbst

Hätte ich es doch einfach nur probiert.

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Hätte ich es doch einfach nur probiert. | story.one

Immer wieder habe ich mich sachte dem Kästchen genähert. Den Deckel geöffnet. Hinein gepustet und damit den nicht vorhandenen Staub entfernt. Vorsichtig an den Knöpfen gedreht. Habe die Zahlen und Buchstaben studiert. Die Nadeln begutachtet. Dabei mich gewundert, wo und wie man diese befestigt. Manchmal habe ich mich sogar getraut und eine schwarze Scheibe aufgelegt und “Start” gedrückt. Doch, es hat nur gekrächzt, gerauscht und nach Mickey Mouse geklungen. Dann habe ich mir wieder selbst leid getan. “Aus” gedrückt. Das Kästchen wieder geschlossen und täglich abgestaubt. Damit es sauber ist. Wenn es dann irgendwann mal funktionieren würde. Vielleicht kommt ja mal ein Spezialist.

Zwischenzeitlich habe ich sie jedem, der sie sehen wollte, und jedem, der sie nicht sehen wollte, gezeigt. Meine Errungenschaft. Die ich geschenkt bekommen habe, von einem ehemaligen Schulkollegen. Der wiederum hat sie von seinem Schwager, ein guter Bekannter von mir. Er hat seinen Dachboden entrümpelt. Er wollte das sperrige Ding nicht mehr haben. Und genau zu dem Zeitpunkt sagte ich zur Schwester des Schulkollegen, die wiederum die Frau des Bekannten ist - oder so ähnlich - dass ich genauso etwas suche. Je älter, umso besser habe ich ihr gesagt – schon in Vorfreude auf den nächsten Flohmarkt. Ich hab´s nur so erwähnt. Ohne Hintergedanken. Ich wusste ja nichts von dem Schatz. Des Bekannten. Auf seinem Dachboden. Die Buschtrommeln haben es ihm aber zugetragen. Und das war gut so.

Denn zwei Tage später stand er vor der Tür. Mit dem sperrigen Teil. Somit bin ich nun sein stolzer Besitzer. Ich hab´s aufgestellt. Und zeige es, wie schon erwähnt, jedem voller Stolz. Tangiert hat es eigentlich keinen. Vor allem, weil es ja nicht funktionierte.

Und dann kam einer, dem habe ich es auch gezeigt. Er war der erste, in dessen Gesicht ich eine freudige Regung beim Anblick des Kästchens feststellen konnte. Und Freude wie für ein neues Spielzeug, zeigte es auch. Das Gesicht. Mit Erstaunen sah ich zu, wie derjenige an mir vorbei eilte. Sich davor hin kniete, das Kästchen hurtig öffnete. Einfach so. Ohne nachzudenken. Zwei Knöpfe drückte und voller Spannung der Nadel zuschaute, die sich zu drehen begann. Und auf einmal ertönte aus dem "alten Trödel“ Musik. Musik in richtiger Geschwindigkeit. Versehen mit einem Bass. Ich liebe Bass. Und das aus beiden Lautsprechern. Derjenige, der an den Knöpfen gedreht hat, schien erst zu dem Zeitpunkt zu merken, dass dies wohl die ersten Töne aus diesem tollen Plattenspieler waren.

Und das alles nur, weil ich mich nicht getraut hatte. Einfach ein paar Knöpfe zu drücken, um ja nichts kaputt zu machen.

Seither staube ich das Kästchen weniger ab. Dafür öffne ich es fast täglich. Die Scheiben drehen sich auf dem Plattenspieler. Die Bässe hämmern. Und die Lautstärke ist manchmal etwas über dem Normalpegel.

Und die Moral aus der Geschichte:

“Im Leben kommt von selber nix, außer, du drückst endlich ein paar Knöpfe, das ist fix!”

© ChiarasBlätter 2021-09-15

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