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“Wir sind in Uruguay!”

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“Wir sind in Uruguay!” | story.one

“Heute gibt's Spiiiinaaaatnockerl …" Wenn Mama einst diesen Zaubersatz wie ein südamerikanischer Fußballkommentator in der Küche trällerte, gerieten Papas und meine Geschmacksnerven in einen veritablen Ausnahmezustand samt pawlowschen Reflexen.

Das Rezept zu dieser Leibspeis' stammte von meiner ungarischen Großmutter. Sie verbrachte vor ihrer Heirat mit Opa einige Jahre als Köchin bei einer Fabrikantenfamilie in Montevideo und vermischte dort gerne die Österreich-Ungarische Küche mit südamerikanischen Elementen. Daraus entstand die einzigartige Spinatnockerl-Variante mit massig Oregano, Schafkäse und Paprika. Nach übermäßigem Genuss dieses göttlichen Mahls (was praktisch eh immer der Fall war) schlitterten Papa und ich in ein komatöses Paradies, aus dem wir nur durch eine Überdosis Montana Haustropfen wieder ins Irdische gerettet wurden.

An einem wunderschönen Herbstsonntag war es wieder soweit. Punkt 12.00 Uhr stellte Mama die dampfende Schüssel auf den Tisch. Doch diesmal zerriss ein forsches Klopfen am Türrahmen abrupt unsere nicht mehr steigerbare Vorfreude auf die heißgeliebten Nockerln: „Grüß Gott schön beinand, was gibt’s denn da Feines?“ Onkel Karl samt Rosa Tant' platzten mit weit aufgerissenen Augen in unsere Küche. Unangemeldet wie immer und mit gesegnetem Appetit. Letzteren hatten sie stets im Gepäck. Eine für uns bis dahin kaum vorstellbare Katastrophe nahm ihren Lauf: „Jössas na, die Erbschleicher sind schon wieder da", entkam es Papa reflexartig und etwas zu laut. Gott sei Dank wurde dieser unflätige Einwand von den gleichzeitig aus dem Radio bimmelnden Mittagsglocken aus Amstetten verschluckt.

„Wir wollen euch aber nicht beim Essen stören“, flötete Onkel Karl, als hätte er zur Vorspeis' ein Packerl Kreide verschluckt. Mama brachte zwei weitere Gedecke, während Papa und ich dreinschauten wie zwei traurige Sardellenringerl im ewigen Packeis. Schon saßen die „Erbschleicher“ am Tisch und ergriffen ungeniert ihre Gabeln. Mit "Dann sag' ich schon mal, vergelt's Gott”, gab nun auch Tante Rosa ihren Senf dazu und steckte sich die ausgebreitete Serviette in den oberen Teil ihrer geblümten Kleiderschürze. Nach wie vor fassungslos sahen wir Mama zu, wie sie zwei viel zu große Portionen an die Verwandtschaft austeilte. Papa tauschte mit mir einen vielsagenden Blick. Uns war in der Sekunde klar, dass es diesmal für keine zweite und schon gar nicht dritte Portion reichen würde. Immerhin bleiben uns so die bitteren Montana-Haustropfen erspart, sinnierte ich fatalistisch.

Nach diesem einschneidenden Erlebnis wurde in unserem Haus - stets rechtzeitig vorm Servieren der epochalen Spinatnockerl - die Eingangstür zweimal zugesperrt. Allerdings erst, nachdem außen ein von Papa gebasteltes Schild angebracht wurde. Dieses sollte, quasi als doppelte Absicherung, potentielle Mitesser sofort verscheuchen. Darauf stand: „Läuten und klopfen zwecklos. Wir sind in Uruguay!“

© Christian Leimer 2021-10-14

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