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#1sommer1buchtirol

Was er so denkt

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Was er so denkt | story.one

Der See hatte noch die Gänsehaut der Nacht an.

Sie setzten sich auf einen Stein am Ufer. Die Sonne kletterte über den Grat des Berges, in dessen Schatten der See lag und die ersten Strahlen machten das dünne Eis dampfen. Kleine Fäden tanzten in die Höhe und nach wenigen Minuten war es nur mehr Wasser, das spiegelblank vor ihnen lag.

„Das habe ich noch nie gesehen“, sagte sie.

„Ich auch nicht“, sagte er.

Sie saßen eine Weile, sahen der Sonne beim Klettern zu. Das Glatt des Wassers begann sich zu kräuseln.

„Stell dir vor“, sagte er.

Sie dachte an den nachtgefrorenen See. Wie lautlos sich das Eis davongemacht hatte, wie elegant.

„Stell dir vor, es liegt ein Band um die Erde. Wie der Äquator, nur aus Hanf.“

Die ersten Kaulquappen des Morgens schlängelten sich durch das seichte Wasser am Ufer. Der Sand schimmerte hellbraungolden, ein Murmeltier pfiff.

„Wenn man dieses Band um einen Meter länger macht, wie groß wird dann der Abstand zum Boden?“

Sie stellte sich das Gefühl in ihren Zehen vor, wie sie sich in den Sand drückten, kühl das Wasser, weich der Boden. Der Froschnachwuchs um ihre Knöchel schwänzelnd.

„Denk nach“, sagte er.

„Was du so denkst“, sagte sie.

„Ich glaube, es waren sechzehn Zentimeter“, sagte er.

Die Strahlen der Sonne bekamen eine stechende Note. Vielleicht sollte ich meine Schuhe ausziehen, dachte sie.

„Sechzehn Zentimeter, das ist viel, nicht? Bei einem Erdumfang von 40.000 Kilometern.“

„Ja“, sagte sie und bückte sich zu den Schuhbändern.

„Dass ein einziger Meter da so viel ausmacht.“

Ihre nackten Sohlen fühlten das morgenkühle Gras, die harten Kiesel. Was Männer so beschäftigt, dachte sie.

Er schien zu rechnen. Vor ihm der dunkle Spiegel des tiefgrünen Wassers. Lichtpunkte tanzten auf dem ersten Kräuseln.

Ihre Füße tasteten sich den einen Meter zur kleinen Sandbucht vor ihrem Stein, sie tauchte sie in das nasse Kühl. Ein paar Kaulquappen machten sich davon. In der Mitte des Sees eine Ente, still, ihr Gefieder sonneglänzend.

Er blieb sitzen, schaute in eine unbestimmte Ferne. Dass er das nicht sieht, dachte sie, wie schön es hier.

Dass sie das nicht interessiert, dachte er. Frauen wollen doch immer wissen, was Männer denken.

2rπ, dachte er, 2 mal r mal π.

Wenn er jetzt zu mir käme, dachte sie. Seine Arme um mich legte. Mir nahe wäre. Weich und warm.

Ihre Füße wurden kalt, sie ging zurück.

„Was denkst du?“, fragte sie und lehnte sich an seine Schulter. „Ist es nicht wunderschön hier? Und nur wir zwei.“

„Ich habe noch einmal nachgerechnet“, sagte er. „Egal, wie lang das Band ist, es sind immer sechzehn Zentimeter.“

Foto: Piotr Guzik on Unsplash

© Christine Mayr 2020-09-19

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