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Von der Bergwies zum Wachen

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Von der Bergwies zum Wachen | story.one

Viele Ortswechsel und Rückschläge bestimmten das Leben von Anton und Theresia Sandbichler, die Pflegeeltern meiner Mutter. Im Alter hatten sie eine Bleibe und Ruhe gefunden im Haus Wachen in Oberau. Neben dem Haus zum kleinen Garten hin stand eine Holzbank. Gerne saßen wir dort mit dem Großvater; er rauchte seine Pfeife und war sonst nicht sehr gesprächig. Manchmal nahm er mich bei der Hand und wir gingen den Hügel hinauf zu einem Apfelbaum, saßen dort und schauten ins Tal. Er benutzte einen Gehstock. Seine Füße waren wohl nicht mehr gut. Er hatte ein hartes Leben gehabt. Kurz nach der Heirat und der Geburt des ersten Kindes, meinem Onkel Toni, musste er in den Krieg ziehen.

Die Geschichte mit meiner Mutter ist die, dass Anton nicht wollte, dass Toni ein Einzelkind blieb und meldete dem Roten Kreuz in Kundl, dass sie ein Kind in Pflege nehmen wollten. So kam meine Mutter mit 12 Tagen zu den Sandbichlers in den kleinen Bauernhof Bergwies, wo sie ihre ersten Lebensjahre verbrachte. Anton Sandbichler kam aus dem Krieg zurück und es wurden noch fünf Kinder geboren: Hans, Hedwig, Franz, Seppö und Moidl.

Die Familie musste siebenmal den Wohnort wechseln, weil die Zeiten und die Umstände nicht gut waren. Der Großvater war ursprünglich Wirt und Bauer, verlor aber zweimal, nicht aus eigener Schuld, die gepachteten Anwesen, Bergwies und Färberwirt.

Endlich wurde eine befahrbare Straße nach Wörgl gebaut. Da fand Anton Arbeit im Straßenbau.

Ich erinnere mich, wie er Kohle in den Keller des Schulhauses geschaufelt hat. Zu der Zeit war er Gemeindearbeiter und schon recht alt. Die letzte Zeit seines Lebens sehe ich ihn auf dem Diwan in der Küche liegen.

Oft bin ich nach der Schule nach Wachen gegangen – etwa 20 Minuten entfernt – und habe dort meine Hausaufgaben gemacht. In der Küche bei der Muata gab es schwarzen, stark gesüßten Tee, der auf dem immer heißen Herd vor sich hinköchelte. Die Muata war eine dicke, gemütliche Frau, die auch sehr streng sein konnte. Um den runden Tisch standen Donath-Sessel und welch ein Vergehen – sie setzte sich hinter mich und schaukelte mich, ein Lied summend, vor und weit zurück. Stuhlreiten war sonst überall verboten. Ein wunderbares Gefühl von Geborgenheit und Glückseligkeit.

Auch zu den Tanten und Onkeln hatten wir einen guten Kontakt und obwohl wir wussten, dass sie keine echten Verwandten waren, fühlten wir uns zugehörig. Die Blutsverwandten meiner Mutter kannten wir damals noch nicht. Ihr Vater war unbekannt. Im Dorf wurde gemunkelt, dass der Pflegevater vielleicht auch der richtige sein könnte. Aber in einer so ehrbaren Familie durfte so etwas nicht vorkommen und so blieb Mami ein Leben lang ein Pflegekind – mit vielen Pflichten und keinen Rechten. Sobald meine Mutter ins Schulalter kam, hatte sie der Wachen Muata versprechen müssen, nicht nach ihrer Mutter oder anderen Verwandten zu suchen. Mami hat das Versprechen lange eingehalten, ein Zufall aber hat sie mit ihren echten Geschwistern zusammengeführt.

© Christine Sollerer-Schnaiter 2021-01-13

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