skip to main content

#regen#ritual#regentanz

Der Regenstein

  • 47
Der Regenstein | story.one

In den letzten Jahrzehnten erlebten wir im Südburgenland extreme Regenfälle, aber auch extreme Trockenheit. Für die Landwirtschaft und für die Hobbygärtner ist beides problematisch und führt zu einem Bangen, wann das Wetter sich wieder normalisiert.

In einem extrem trockenen Sommer wurde meiner Familie regelrecht unheimlich. Eine so lange Dürre hatten wir hier noch nie erlebt. Die lehmigen Böden bekamen große Risse. Zu vielen Gehöften in Hügellage fuhren Feuerwehrtanks, um Mensch und Vieh mit Wasser zu versorgen.

Der Wasserspiegel in unserem Brunnen begann zu sinken. Auch in den Teich konnte nicht mehr so viel Wasser nachfließen, dass die Verdunstung damit ausgeglichen wurde.

Die dauernde Hitze ohne Erfrischung und Abkühlung ließ selbst die widerstandsfähigsten heimischen Gewächse schmachten. Der Rasen wurde braun. Nur mehr die wichtigsten Nutz- und Zierpflanzen wurden gegossen. Sehnsüchtig hielten wir nach Wolken Ausschau und hofften auf ein Gewitter.In unseren Nachbargemeinden gab es Niederschlag. Aber genau in unserem Gebiet tat sich nichts. Die Gewitter zogen haargenau vorbei. Einmal fielen ein paar versprengte Tropfen aus einer Wolke auf unsere Terrasse. Hoffnungsvoller Blick nach oben und Enttäuschung.

Wir befanden uns bereits im dritten Sommermonat und immer noch fiel kein Regen. Gießen gab nicht aus. Alles begann zu verdorren. Die Bäume waren sichtlich geschwächt. Die Obstbäume warfen die Früchte ab. Wir litten mit der Natur mit und konnten ja doch nichts tun. Wir erinnerten uns an unsere Reisen in Trockengebiete und an Berichte von Dürrekatastrophen in anderen Teilen der Welt. Da wird man zutiefst demütig. Aber auch das Demütigsein half nicht.

Eines Tages sagte ich meinen Leuten: „Die Indianer machen Regentänze! Vielleicht erwartet sich die Natur auch von uns ein Ritual?“ Schweigen. Ich zog mich zurück, bemalte einen größeren Stein, schmückte ihn mit Ornamenten und lackierte ihn. In einem ungestörten Moment schlüpfte ich aus dem Haus und begab mich mit meinem „Regenstein“ in den Garten.

Dann vollzog ich ein Ritual, das ich mir spontan ausdachte. Ich dankte Mutter Erde und rief die Regengeister an, bat für alle Lebewesen um Regen und tanzte mit erhobenen Händen auf der Wiese, die von Bäumen und Sträuchern umrahmt ist. Den bemalten Stein legte ich unter die alte Weide und ging schweigend ins Haus.

Gegen Abend begannen dunkle Wolken aufzuziehen und ein leises Donnergrollen war zu vernehmen. Da uns das Wetter so oft gefoppt hatte, maß ich diesen Erscheinungen keine Bedeutung bei.

Als ich bald darauf aus dem Küchenfenster schaute, sah ich, dass Regentropfen in den Teich fielen. Ganz sachte begann es zu regnen. Das Gefühl war unbeschreiblich. Erlösung, Erleichterung, Wonne.

Ich hatte den Wetterbericht nicht gelesen. Wie es kam, dass es just nach dem Ritual zu regnen begann, war mir egal. Aber dieses Erlebnis rief in mir wach, dass wir das Wetter nicht nur physikalisch betrachten sollen!

© Clarissa_Smiles 2021-01-13

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um Clarissa_Smiles einen Kommentar zu hinterlassen.