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#treue#wiedersehen#pizza

Eine Pizza mit meiner Madoka

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Eine Pizza mit meiner Madoka | story.one

Aufgeregt wartete ich in meinem Hotelzimmer auf die Japanerin, die ich in Caen in der Normandie kennengelernt hatte. P├╝nktlich um 20 Uhr klopfte es an meinerT├╝re. Verschmitzt fragte sie in leisem, aber deutlich verst├Ąndlichen Englisch, ob es wohl OK ist, wenn sie reinkommt. Sofort mussten wir beide lachen, wie in unserer Studentenzeit.

Das schmale Gesicht der zarten Frau war halb unter einem dieser H├╝te verborgen, die sich ├Ąltere Japanerinnen wie Deckel aufst├╝lpen. Ihr Gang wirkte etwas unbeholfen. Ich staunte, wie gro├č ihr Trolley war. F├╝r die eine Woche hatte sie offensichtlich mehr Gep├Ąck mitgenommen als ich f├╝r f├╝nf Wochen. ÔÇťWie kann es sein, dass wir uns erst nach 42 Jahren wieder treffen?ÔÇŁ rief ich aus. "Es ist so unglaublich!" Dann umarmten wir uns innig.

Madoka zeigte sich erleichtert ├╝ber meinen entspannten Zustand. Durch die Blume hie├č das wohl, dass sie besorgt um mich gewesen war. Nach so langer Vereinsamung brach ein Redeschwall aus mir hervor, wie dankbar ich sei, dass sie umdisponiert habe und fr├╝her gekommen sei, wie sehr ich mich freue, wie es ihr geht, wie wohl ihre Fahrt war. Sie lie├č mich Dampf ablassen und fragte l├Ąchelnd: ÔÇťGehen wir jetzt einmal miteinander Abendessen? Ich brauche eine St├Ąrkung nach der langen Fahrt. Und danach muss ich ja noch in mein Hotel fahren!ÔÇŁ

Ein paar Minuten vom Hotel entfernt, unweit vom Tokyo Dome einigten wir uns auf ein kleines Pizzalokal. Ein Traum war wahr geworden! Wir zwei in Tokio bei einer Pizza und beim Austausch gemeinsamer Erinnerungen. In Caen sa├čen wir t├Ąglich am Campus zusammen am Mittagstisch. Gemeinsam nahmen wir an einem Franz├Âsischkurs f├╝r leicht Fortgeschrittene teil. Am Eiscremestand scherzten wir mit Madokas japanischen Reisegef├Ąhrtinnen. Auf alle musste ich ein wenig wie Gulliver im Land der Liliputaner gewirkt haben.

Erst nun erfuhr ich, dass Madoka mit einem Eisenbahnbeamten im Ruhestand verheiratet ist und daher Verg├╝nstigungen bei Bahnfahrten genie├čt. Davon erz├Ąhlte sie mir nie, und ich hatte nie danach gefragt. Bei einem Gl├Ąschen Wein legte meine Freundin rasch die neutrale japanische Alltagsh├Âflichkeit ab.

Sie lie├č durchblicken, dass sie die freien Tage mit mir auch deshalb genie├čen werde, weil ihr dies eine Abwechslung von der allt├Ąglichen Monotonie bescherte. Ihre Ehe sei harmonisch, doch lasse sich ihr Mann gerne den ganzen Tag bedienen und m├╝sse f├╝r Unternehmungen besonders motiviert werden. Sie hingegen sei lebenslustig, vielseitig interessiert und gerne unterwegs, wie eh und je.

Was mich an der jungen Madoka fasziniert hatte, war auch bei der zweifachen Mutter und dreifachen Gro├čmutter Madoka immer noch dasselbe Ph├Ąnomen. Diese Frau konnte sehr unscheinbar wirken, aber auch vor Energie spr├╝hen. Sie wirkte sch├╝chtern und doch selbstbewusst. Ihr schalkhaftes Wesen ├╝berraschte mich immer wieder.

In einem belgischen Lokal naschten wir noch etwas S├╝├čes. Dann begleitete ich meine Freundin samt dem Riesenkoffer zum Quartier.

┬ę Clarissa_Smiles 2021-03-10

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