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#gemischtegefühle#japanreise

Gefühlschaos in Japan

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Gefühlschaos in Japan | story.one

Der Ferne Osten hatte ich mich schon als Kind fasziniert. Als Schulkind übte ich mich in der japanischen Papierfaltkunst Origami. Als Teenager befasste ich mich eingehend mit Ikebana und liebte es. Später kamen die östlichen Religionen hinzu.

Für die meisten Japaner ist In-die-Stille-Gehen gar nicht Teil ihres Lebens. Wir Europäer neigen ja auch zur irrigen Vorstellung, dass Indien voller spiritueller Menschen ist, die täglich meditieren. Wer von unseren Christen betet täglich und geht zur Kirche? Da wie dort lebt eine verschwindend kleine Minderheit wirklich spirituell.

Mein Ort der Stille auf der Reise war mein Quartier. Abzüglich der Zeit, die man für Schlaf und Hygiene braucht, für ein wenig digitale Kommunikation und die Reiseplanung, blieben für Meditation und Besinnung nur wenige Minuten.

Im Sommer 2018 musste meine Mutter ins Krankenhaus. Bei der Entlassung ließen die Ärzte durchblicken, sie würde nicht mehr lange zu leben haben. Während ihrer letzten Wochen war ich bei ihr. Auch, als sie ihren letzten Atemzug tat. Dann das Begräbnis und alles, was abzuwickeln ist. Bis zum Abschied war ich ganz auf mich gestellt, weil kein Pflegepersonal aufzutreiben war.

Allein in einem fernen Land unterwegs zu sein, in einem Zustand frischer Trauer, das hat so seine Vor- und Nachteile. Jedenfalls konnte ich so zu Hause niemandem etwas vorweinen und Abstand von meinem Alltag gewinnen. Die neuen Eindrücke überlagerten die düsteren Tage davor. Ich war extrem viel in Bewegung und an der frischen Luft, was mir gut tat.

Womit ich weniger gerechnet hatte, war die Isolation. Abgesehen von täglichen Mails und Telefonaten, dank WLAN, hatte ich keinerlei Ansprache. Alles hastet an dir vorbei, niemand quatscht dich an. Bei uns ist es auch nicht mehr viel anders, leider.

Die japanische Höflichkeit ist mir dennoch lieber als unsere manchmal recht eckigen Umgangsformen. Auch, wenn es oft nur zur Schau getragene Freundlichkeit ist. Bei längerem Verweilen erlernt man die unterschiedlichen Nuancen. Das Herz spürt, wo Herzlichkeit dabei ist.

Alle paar Tage ein Orts- und damit auch ein Quartierwechsel bedeuteten, obwohl eine solche Reise ein fabelhaftes Abenteuer ist, enormen Stress. Verlor ich die Orientierung und verlief mich, so war ich schneller weinerlich als gewohnt. Die Tempel und Schreine erinnern an Tod und Vergänglichkeit, weckten Gefühle. Pillen nehme ich nur, wenn es gar nicht mehr geht. Ich hatte nicht einmal Baldriankapseln mit, einfach gar nichts, balancierte alles rasch aus.

Man sagt, man spürt zuweilen die Nähe der verstorbenen Angehörigen. Ich spürte aber nichts, hatte nur immer wieder Bilder von der sterbenden Mutter vor mir. Aber dann sah und erlebte ich wieder so viel Schönes und die Schatten waren sofort wieder weg.

© Clarissa_Smiles 2021-02-05

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