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#meditation#retreat#schock

Lockdown in Mutsuzawa 2018

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Lockdown in Mutsuzawa 2018 | story.one

Im Rückblick war meine Teilnahme an der Vipassana Meditation eine freiwillige Vorübung auf die Schrecknisse, die auf uns Anfang 2020 in aller Welt ereilen würden.

Doch als ich bei sengender Hitze auf einer schlichten Bank in Mobara auf meinen Bus wartete, ahnte ich noch nicht, was mir bevorstand. Ein alter Herr näherte sich und redete mich freundlich an. Mein japanisches Vokabular bestand leider nur aus ein paar holprigen Phrasen, die ich mit ehrerbietigem Verhalten aufzuwerten versuchte.

Er lächelte, wohl weil ich mich so abmühte, und bot mir ein Stück originalverpackte Mehlspeise an. Oishī! (Schmeckt lecker!) rief ich aus und strahlte wie ein kleines Kind dazu. Das gefiel ihm. Da keine weitere Verständigung mit mir möglich war, trollte er sich. So nett! Wo erlebt man so etwas bei uns?

Endlich kam der Bus, nahm mich mit, holperte im Zickzack durch die Stadt und weitere Siedlungen und blieb häufig stehen. Mein Halt in Mutsuzawa erinnerte mich an Westernszenen im Kino. Eine karge Landschaft, nüchterne Straßen, karge Bauten. Eine Wegbeschreibung der Veranstalter in der Hand, hielt ich Ausschau nach dem Treffpunkt an, an dem die Kursteilnehmer abgeholt werden sollten. Merkwürdigerweise war niemand mit mir zusammen ausgestiegen. Ach ja, immer noch war ich zu früh dran. Da, inmitten der Kulturwüste, typisch japanisch, ein gut bestückter Getränkeautomat. Lebensrettend.

Mit Osprey-Rucksack, Trolley und Getränkeflasche kämpfte ich mich zum Abholplatz weiter. Der nächste Busstopp wär's gewesen! Einige Bauarbeiter stemmten, hämmerten und bohrten. Ich entschloss mich, die Zeit ein Stückchen davon an einem Bach zu verbringen. Da saß ich an der Böschung, umgeben von eher karger Vegetation hatte erstmals wieder einigermaßen Verbindung mit der Natur und erlebte einige wunderbare meditative Minuten.

Die Abholung verlief nüchtern, sachlich und unspektakulär. Das Grüppchen, das sich mittlerweile schweigend versammelt hatte und zu dem ich stieß, wurde samt Gepäck in Kleinbusse verfrachtet. Die Begrüßung hatte ich mir anders vorgestellt, aber die Herzlichkeit würde ja wohl noch kommen.

Auf einer kleinen kurvigen Straße wurden wir in ein karges, von Wald umgebenes Areal, verbracht. Die nüchterne Behandlung setzte sich fort. Auszufüllende Formblätter, Abgeben des Mobiltelefons und der Wertgegenstände, und dann den anderen nach durch die Anlage stolpern, Zuweisung eines Schlafplatzes im 20 Betten-Saal für die Frauen. Na gut, also auf den zugewiesen drei Quadratmetern für die nächsten zehn Tage einrichten, die Waschanlagen erforschen und dann auf in den barackenförmigen Bau mit Küche und Speisesaal, eine kleine Mahlzeit einnehmen.

Danach erfolgte eine Begrüßung der in Männlein und Weiblein getrennten Gruppe, die mich im Vergleich zur bisher in Japan erlebten Verhältnisse öffentlichen Höflichkeit schockierte. Der Tonfall ließ eher an den Eintritt in eine Strafanstalt denken. In Haft zur Erleuchtung?

© Clarissa_Smiles 2021-03-01

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