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40 Tage & Das Feuer an der Nordsee

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40 Tage & Das Feuer an der Nordsee | story.one

“Bin ich die Einzige, die jetzt 40 Tage fastet?”, fragt Lilly Anwalt X, als er nach der Pause, wie üblich, seine Tasse an der äußersten Kante des Empfangstresens abstellt und in die silberne Schale guckt, was es heute für Pralinen im Angebot gibt. Außer zwei Minz-Blättchen in den schwarzen, feinen, knisternden Täschchen, die sich seit geschätzten 45 Jahren noch nicht verändert haben, liegt da gerade nichts.

Das zarte Nougat muss ein Monat auf sie warten und das Marzipan wird einfach reduziert. Eins steht jedenfalls fest: Einen Monat keine Schokolade und die erste Praline löst wieder Glücksgefühle aus, die sich ja sonst übers Jahr schon am Gewohnheitsgaumen unauffällig gemacht haben.

“Ich nicht. Ich bin aus dem Norden.”. Sie tauscht die zwei hübschen, weißen Schächtelchen aus mit den abgegriffenen Schachteln, in denen sich bisher die Diktierbänder befanden. “Ist die katholische Erziehung, die sie genossen hat, und die ihrem absolut erfolgreichen ersten eigenen Lebensabschnitt weiterhin Struktur verliehen hat, tatsächlich so erschreckend, wie es für sie der Ramadam bei so manchem früheren Arbeitskollegen war?”.

Es entstehen aus Notwendigkeiten, die sich durch ein erwünscht zivilisiertes Zusammenleben und Naturgegebenheiten ergeben, gewisse fürs Überleben sinnvolle Rituale und Traditionen. Manche Gebräuchlichkeiten waren so erfolgreich für die Kulturen, dass sie von Machmenschen benutzt wurden, um sich selbst zu bereichern, doch außer dem längst störenden Zölibat und fehlenden Ämtern der Frauen in der Kirche kann sie nun im Katholischen keinen Fehler erkennen. Sie hat gut gelebt damit, vor allem blieben die Werte, wo sie hingehörten – in der Familie.

“Man denke nur an die ganzen christlichen Feiertage und Feierlichkeiten,”. Im Norden liebäugelt sie mit der evangelischen Gemeinschaft und den vielen nordischen Traditionen. “Schönes Bike-Wochende!”, wünscht sie Herrn G., der heute erst spät die Kanzlei verlässt. Er ist wenig begeistert davon.

“Dafür muss man hier geboren worden sein.". Sie wundert es nicht, weil es für sie auch immer noch so sehr nach Hexenverbrennung aussieht, obwohl es das natürlich nicht war, sondern ein Feuerzeichen an die ausfahrenden Seefahrer und zugleich ein Signal für die dänischen Landarbeiter, dass die Sylter Frauen auf den Höfen Hilfe brauchen.

Heutzutage wird diese heiße Tradition genutzt, die gesammelten Christbäume zu verbrennen, den Frühling in die Gänge zu bringen und einfach, wofür Feste ja da sind, um sich wieder Mal untereinander zu treffen. Für die Schulkinder ist vor allem der Tag darauf ein Hit, weil der Petritag, nach dem Petritanz am Abend davor, schulfrei ist. Dieses Mal gibt es vom Biikefeuer eine Übertragung im TV, also ganz nehmen haben es sich die Sylter doch nicht lassen und nächstes Jahr ist sie vielleicht wieder ein Stückchen mehr Friesin geworden, sodass sie nicht einen Scheiterhaufen sieht, sondern Winteraustreiben und Frühlingbegrüßen.

© Daniela Neuwirth 2021-02-23

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