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Superman´s Röntgenblick

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Superman´s Röntgenblick | story.one

Jetzt hat Lilly zwar die Kopfhörer der Kollegin, dafür sind zwei ihrer Stempel verschwunden. Ihr Kollege weiß aber wo diese sein könnten und huscht ins Büro von Herrn G. Er öffnet die Schreibtischlade, findet, was er sucht und überreicht ihr die beiden meistbenützten Büroutensilien. “Volltreffer! Hast du Superman`s Röntgenblick?”

Sie hat an der Tür gewartet, denn Herr G. hat es überhaupt nicht gern, wenn man an seinen Arbeitsplatz geht. Es gibt verbale Windstärke 10, Gewitter und Hagel, wenn die Reinigungsdame seine Unterlagen oder das Telefon verschiebt.

Manchmal stellt Lilly trotzdem unauffällig seinen Kalender auf den richtigen Tag oder besser in die richtige Woche oder Monat nach, aber immer mit dem komischen Gefühl, als würde sie ohne Ticket U-Bahn fahren. Der Kollege schließt die Lade wieder. “Uhh, dann verwisch aber auch deine Fingerabdrücke! Bloß keine Spuren hinterlassen!”, flüstert sie ihm leise lachend zu.

Zurück am eigenen Platz flattern einzelne Blätter am Tisch herum, die bei einem Ausdruck als letztes Blatt übrig blieben. “Wo ist eigentlich meine Schere hin?”. Sie kramt in der Lade, guckt auf den Tischen hinter sich. Nichts. Das Papier lässt sich auch an der Tischkante in vier Teile teilen. “Ahh, Herr G.? Die Schere ist bestimmt auf seinen Tisch gewandert.”, steht in der Gedankenblase über ihr geschrieben, begleitet von einem amüsierten Smiley.

Das ist ja nicht so weit, nur eine Armlänge durch die dezimeterschmale Wand vor ihr. “Hätt ich nun auch gern den Röntgenblick um die Schere zu orten.”. Dann könnte sie mit Supermans Kräften nicht nur seine Stiftebox unbemerkt abscannen, sondern auch bis in die Küche zu den Keksen sehen und noch weiter durch die Bücherwand bis zu Anwalt Xs Schreibtisch, durch ihn hindurch zur Deutschen Bahn, die ihr Verreiseangebot derzeit nicht in dem Maße ausüben kann, wie Lilly es sonst so gern hatte - einfach einsteigen und die nächstgelegenen Großstädte entdecken - und noch weiter hindurch bis zum dahinterliegenden Kiosk sehen und die Titelseiten der neuesten Magazine nach politischen und royalen Schlagzeilen abchecken.

“Aber wie wäre es dann mit dem Persönlichkeitsrecht, wenn ich alles sehen könnte?", fragt sie sich und liest nach. Es handelt sich dabei um ein Grundrecht, dass dem Schutz der eigenen Persönlichkeit dient und vor Eingriffen in den Lebens- und Freiheitsbereich schützt - eingeteilt in persönlichen und sachlichen Schutzbereich.

Sie bemerkt beim Lesen der umfangreichen Beschreibung, dass sich dies ständig weiterentwickelt und dass wir alle mehrmals am Tag einwilligen, dass dies gebrochen wird, indem wir zustimmen, dass unsere Daten verwendet werden und akzeptieren, dass unter anderem bei Googles G-Mails mitgelesen wird und die zu den herausgelesenen Informationen bedarfsgerecht Werbezusendungen gesendet werden. Ebenso hat der derzeitige Zustand auch überhaupt nichts mehr mit der Menschenwürde zu tun, aber dies ist eine andere Geschichte…

© Daniela Neuwirth 2021-01-14

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