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#erfahrung#sozialpädagogik#outdoorprojekt

Das Bad im Fluss

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Das Bad im Fluss | story.one

Ich war über 20 Jahre Erlebnispädagogin und habe Outdoorprojekte mit Jugendlichen, die nicht auf die Butterseite des Lebens gefallen sind, in Europa gemacht. Eine Geschichte ist mir besonders in Erinnerung.

Unser Ziel ist Schweden. Wir bauen dort mit 6 Jugendlichen ein Floss und flößern den Klarälven, einen Fluss in Schweden, hinab. 2 Mädchen und 4 Burschen bilden die Crew. Simone ist eines der Mädels. Sie kommt mit Stöckelschuhen, einem Schalenkoffer und lackierten Nägel am Abfahrtstag. Ich muss ihr gleich zu Beginn die Illusion nehmen, dass sie die "Tussisachen"mitnehmen kann, diese in der Wildnis unbrauchbar sind. Ich packe mit ihr den Koffer in einen wasserdichten Sack um, reduziere ihre Habseligkeiten auf Brauchbares. Kein leichtes Unterfangen.

In Schweden leben wir in Zelten in der Wildnis. Es gibt keine Dusche, sondern der Klarälven ist unsere Badewanne. Mit diesen Worten habe ich das Simone erklärt. Sie war entrüstet und hat mir erklärt, dass sie sich nie waschen wird, da das grindig ist. Die ersten Tage zieht sie das durch und verweigert die Körperhygiene. Ich lasse es ihr frei. Nach 4 Tagen kommt sie zu mir und fragt mich : Inge, wie wäscht man sich in einem Fluss? Ich hole das biologisch abbaubare Duschgel und eine Isomatte. Wir finden eine schöne Badestelle mit Sandstrand. Ich biete ihr an, die Isomatte um sie zu halten, damit sie geschützt ist. Sie nimmt mein Angebot an. Sie bittet mich, ob ich ihre sehr langen Haare waschen kann. Wir sitzen an einer seichten Stelle im Fluss und ich seife ihre Haare ein. Dabei erzählt sie mir von ihrer Familie und warum sie nicht dort sein kann, was alles vorgefallen ist und wie sie das erlebt hat. Der Bann ist gebrochen. Sie nimmt jetzt jeden Tag ein Bad im Fluss. Simone sucht seither oft meine Nähe und es kommt immer mehr von ihr und ihrer Geschichte an die Oberfläche.

3 Monate nach dem Projekt fahren wir auf ein Relexionswochenende, um mit den Jugendlichen auf die Abenteuer zurückzublicken. Jeder erzählt seine absoluten Highlights. Simone berichtet von dem ersten Bad im Klarälven. Dieses Erlebnis hat ihr Leben verändert, da sie das erste Mal in ihrem Leben erkannt hat, dass wenig manchmal mehr ist, Schönsein nicht alles ist und sie es in dieser vertrauten Situation geschafft hat, das erste Mal über ihre persönliche Geschichte zu sprechen. Sie meint, sie werde niemals in ihrem Leben vergessen, wie ich ihr die Haare gewaschen habe. Wie sehr sie sich das von ihrer Mutter als Kind gewünscht, aber nie bekommen hat. Wenn ich daran zurückdenke wird mir warm ums Herz, da es oft so kleine Dinge sind, die das Leben eines Menschen positiv verändern. Ich habe sie vor ein paar Monaten, nach vielen Jahren, zufällig getroffen. Sie meinte, kannst du dich noch erinnern, wie du mir die Haare gewaschen hast? Ich kann mich noch genau daran erinnern und es freut mich sehr, dass sie diese Erinnerung auch heute noch begleitet.

© daskartenmaedchen 2020-04-10

schwedenistanders

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