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Als Österreicherin fremd in Österreich

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Als Österreicherin fremd in Österreich | story.one

Ankunft am 27.1.2013 in Wien. Es ist kalt, aber es liegt kein Schnee. Mein Sohn freut sich auf Schnee und ist enttäuscht, als er nur Regen sieht, tagelang. Mein kleiner Bruder Philipp gewährt uns Quartier für die ersten Wochen nach unserer endgültigen Abreise aus Tunis. Brunnenmarkt, 16. Bezirk: ich fühle mich hier irgendwie heimisch: Inder, Araber, Türken beleben den Markt – wie am Souk in Tunis!

Meine älteste Tochter ist in Tunis geblieben, sie ist 18 Jahre alt und wird ihre Schulklasse noch fertig machen. Schweren Herzens habe ich sie in einem kleinen Apartment dort gelassen.

Ich habe von Tunis aus Wohnungen gesucht und auch eine tolle gefunden. Voraussetzung ist etwas im Grünen, vielleicht mit Balkon oder Terrasse (für Hund und Katze) und ich finde auch noch eine mit Kamin für die kalten Winter. 14. Bezirk. 2 Wochen später ziehen wir ein. Möbel hab ich keine. Mein Bruder leiht mir 4000€, mit denen ich mir eine komplette Einrichtung kaufe. Betten für die Kinder und mich, Wohnzimmersofa, Esstisch, Stühle bekomme ich geschenkt. 2 günstige Schränke. Das muss reichen. Wir sind jeder nur mit 1 Koffer aus Tunis angekommen. Unsere restlichen Sachen sollen die nächsten Tage mit der Spedition kommen: Kleidung, Schuhe, Erinnerungsstücke, ein paar wenige Möbel. Kommen tun sie nach 2 Monaten.

Ich arbeite ab dem ersten Tag für einen japanischen Konzern als Business Development Manager Region Afrika und DACH. Ich habe ja bereits davor 1 Jahr lang stundenweise für sie gearbeitet und war nun angestellt, mit fixem Gehalt, soll auch noch ein Firmenauto bekommen. So viel Sicherheit auf einmal… völlig ungewohnt! Meine Kids werden mit Beginn des 2. Semesters eingeschult. Omar in der 4. Kl. Volksschule, Yasmin in der 2. Kl. Gymnasium. Sie hatten NIE Deutschunterricht gehabt. Werden ihre Deutschkenntnisse ausreichen? Haben meine Mama und ich ihnen genug beigebracht? Omar ist frustriert, für ihn verhalten sich alle wie im Kindergarten. Die Hausaufgaben werden in Blau, die Schulaufgaben in Rot auf die Tafel geschrieben. Die Kinder haben Symbole in der Garderobe. Er versteht die Welt nicht: “Mama, das soll das fortschrittliche Österreich sein? - Ich bin viel weiter als die anderen - ich habe Aufsätze in 3 Sprachen geschrieben in Tunis, nicht nur Lückentexte, wie hier!”

Der erste Schnee fällt. Omar ist glücklich – jedoch wird dieser Schnee bis Mitte April bleiben und da verliert er bald die Lust daran. Es ist matschig, rutschig, auch dreckig. Kein Spielen im Garten, kein Fußballplatz. Langweilig!

Yasmin wird von ihrer Französisch-Lehrerin ermahnt, nur die Vokabel zu verwenden, die sie bereits in der Klasse gelernt haben. Sie ist frustriert, weil sie viel mehr kann und es nicht zeigen darf!

Jeden Tag fragen mich meine Kinder: “Mama, wann fahren wir wieder heim?” Mein Herz schmerzt, wir weinen zusammen. Ich hatte es nicht geschafft, meine Familie weiter in Tunis zu ernähren. Wir müssen lernen mit Österreich und seinen Menschen auszukommen!

© die_sage_der_gudrun 2020-12-12

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