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Die Geburt von Krixi Kraxi

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Die Geburt von Krixi Kraxi | story.one

Nur Stillsitzen, Gedichte und Koran rezitieren und ab und zu Linien und Zeichen nachschreiben. Die Toiletten sind ekelhaft, in den Räumen stehen Langbänke und kleine Tische. Keine Spielsachen, kein Lego, keine Kuschelecke. Zum Hammelfest wird ein Schaf gebracht und vor den Augen der 80 Kindergartenkinder geopfert. Das kann es wohl nicht sein, wenn ich meiner 6-jährigen Tochter und meiner vor kurzem auf die Welt gekommenen Zweitgeborenen etwas Gutes tun will. Meine große Tochter Linda geht nach dem Hammelfest nur noch unter grossen Protesten in den Kindergarten. Sie ist total entsetzt über das viele Blut, gleich neben der Kindergarten-Schaukel.

Also fahr ich in die Landeshauptstadt Medenine und suche die Behörde für Kind, Jugend, Frau und Sport auf, die für die Zulassung von Kindergärten zuständig ist. Ich hatte jahrelang in der Erwachsenenbildung in Tunesien gearbeitet und einige hundert Mitarbeiter geschult – ausserdem hatte ich meine Maturaarbeit in Österreich zum Thema Kindererziehung (Musik-Psychologie-Deutsch) gemacht. Also gefühlt wusste ich um vieles mehr als die mir bekannten Kindergärtnerinnen auf Djerba.

Der Beamte ist begeistert von meiner Idee den ersten "Multikulturellen Kindergarten Südtunesiens" eröffnen zu wollen. Aber es gibt ein Pflichtenheft, das alle notwendigen Bedingungen aufzählt – alles natürlich auf Arabisch. Na wumm… Er ist wirklich sehr bemüht und meint: "Ich glaub, ich hab noch eine Übersetzung auf Französisch – Wollen Sie diese?" Klar!

Ich fahre wieder nach Houmt Souk in die Hauptstadt der Insel Djerba. Beginne meine Planung. Also Location suchen – am besten eine Villa. Diese ist schnell gefunden. Direkt am zentralen Kreisverkehr von Ajim, im kolonialen Stil gebaut, mit Garten und viel Sand. Ich muss noch vieles innen richten. Jedes Zimmer bekommt meine eigenhändige Bemalung – Fische und Meerestiere im Raum der ganz Kleinen, Bodentuch-Wickeltechnik mit Farbe in den anderen Räumen. Tische und Sessel nach österreichischen Richtlinien.

Der freundliche Beamte kommt zur Kontrolle und ist hellauf begeistert über die Sauberkeit, die bunten Farben, die Kuschelecke, den Marktstand und die Montessori-Aktivitäten.

Ich brauche aber auch unbedingt eine gelernte Kindergärtnerin. Ich hab die glorreiche Idee in Österreich ein Inserat in den OÖN zu schalten, um auf ein paar Monate zumindest jemanden nach Djerba zu bringen, der auch neugierig und mutig ist und mit mir das Projekt startet. Rascher als erwartet werde ich fündig. Agnes, eine junge Oberösterreicherin freut sich auf einen Auslandseinsatz. Die Eröffnung naht. Wir bemalen die Außenmauer mit Kindern verschiedenster Nationalitäten, sich die Hände reichend. Das Schild wird in Arabisch und französisch angebracht:

KRIXI KRAXI - jardin et club d'enfants multiculturel

Ganz nach dem Lieblingswort meiner damals 8 Monate alten Tochter, die sich immer zerkugelte, sobald sie "KRIXI KRAXI" hörte – ganz österreichisch!

© die_sage_der_gudrun 2019-12-26

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