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Linda, mein Kind, lebst du noch?

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Linda, mein Kind, lebst du noch? | story.one

Linda ist 3 1/2 Jahre alt und kann noch nicht in den Kindergarten gehen, weil sie sich auf Arabisch, genauso wie auch auf Deutsch oder sonst irgendeiner Sprache, nicht wirklich verständigen kann. Nur wenige Menschen können sie verstehen – das ist halt nicht wirklich ihre Stärke.

Ich habe vor ein paar Monaten als Direktionsassistentin im Robinson Select Athénée Palace auf Djerba zu arbeiten begonnen und gebe Linda seitdem zu einer sehr netten tunesischen Familie, einer Art "Tagesmutter". Sie beschäftigen sich sehr lieb mit ihr und lernen ihr Arabisch. Es gibt zwei großjährige Mädchen, einen 15-jährigen Sohn und ein 6-jähriges Mädchen, die alle stolz sind, dass die "Gaouria", die "Europäerin", diese süße blonde, blauäugige Linda bei ihnen tagsüber bleibt. Sie ist extrem exotisch für Tunesier.

Eines Tages komme ich gegen 16h30 zur Familie um meine Tochter abzuholen. Die Mutter, Zaineb, öffnet mir das Tor und sieht mich mit großen Augen an. Ich merke, dass irgendetwas nicht stimmt und sag: "Asslema Zaineb, Schnachuelik?" (Hallo Zaineb, wie geht es Dir?") Stotternd antwortet Sie: "As...selema Gu...drun, Li....nda...." Ich sag: "Was ist los mit Linda?". Sie beginnt zu weinen… Mein Gott, was ist passiert? Sie stammelt was von "accident" (Unfall) und "Linda" … ja, was ist denn passiert?

Ich dränge mich Richtung Haustüre und will herausfinden was los ist. Im Salon finde ich Linda auf dem Canapé liegend, mit einem Leintuch bis über den Kopf zugedeckt. Sie ist tot! "Nein, das darf nicht sein!", denke ich mir. "Ist sie gestorben und niemand hat mich informiert? Warum kam keine Rettung, kein Arzt? Sie haben die Telefonnummer im Hotel, wo sie mich immer erreichen können!"

Mein Herz rast. Ich frag nochmals: "Was ist passiert?" Gleichzeitig nehme ich das Leintuch und zieh es Linda aus dem Gesicht. Sie sieht so friedlich aus, aber über ihrer linken Augenbraue hat sie blutgetränkte Watte. Sie ist verletzt! Ich fühle ihr Herz, ob es noch schlägt,… will hören, ob sie noch atmet. Ich bin so verzweifelt. Wie konnte das passieren? Sie atmet, ihr Herz klopft… sie schläft nur. Da beginne ich zu verstehen, dass sie sie zugedeckt hatten, dass keine Fliegen auf die Wunde kommen. Ich frag nochmals nach, versuche zu verstehen, was geschehen ist. Zaineb's Französisch ist nicht so gut und mein Arabisch auch nicht. Es ist etwas schwer, erfolgreich zu kommunizieren. Linda – mit 3 1/2 Jahren – war zum Brot kaufen geschickt worden, in ein Geschäft das an der übernächsten Hausecke lag. Am Weg dorthin hatte sie ein Radfahrer übersehen und angefahren. Als sie nicht zurückkam, hatten sie sie gesucht und gefunden. Sie hatte eine Platzwunde über dem Auge, die Zaineb dann mit Watte abgetupft hatte. Keine Desinfektion und dann noch dazu Watte! Diese kleinen Fäden kleben schon überall.

Ich schnappe meine Tochter, fahre zum Hotelarzt und lasse ihn die Wunde säubern und mit 3 Stichen nähen. Ich halte sie, weine und sage:

"Hamdoullah, Linda, du lebst noch!"


© die_sage_der_gudrun 2020-08-03

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