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Scheidung – ganz anders

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Scheidung – ganz anders | story.one

Wenn eine Beziehung über lange Zeit nicht mehr auf Augenhöhe verläuft, Grenzüberschreitungen passieren und sich ein ständiges Unwohlfühlen einstellt, dann ist es Zeit über Veränderung nachzudenken und diese dann auch umzusetzen.

11 Jahre zusammen, 7 Jahre verheiratet, 2 gemeinsame Kinder. Wir haben eine Handelsfirma zusammen gegründet, die die Familie ernährt. … und wir leben in Tunesien. Ich will kein Drama, wie man immer wieder liest – Kindesentführungen & co, daher: alles strategisch, diplomatisch und klug überlegen.

Als mein Entschluss gefasst ist, dass ich mein weiteres Leben nicht mehr mit diesem Mann verbringen möchte, erkundige ich mich, wie man sich in Tunesien scheiden lassen kann. Ich will natürlich unbedingt das Sorgerecht für unsere gemeinsamen Kinder, 7 und 4 Jahre alt, bekommen.

Ich brauche die tunesische Staatsbürgerschaft dafür. Geht das?

Eine Freundin empfiehlt mir einen Rechtsanwalt, der mir diesbezüglich helfen könnte. Ich treffe ihn, er hilft mir und 2 Monate später bin ich offiziell Tunesierin, lasse meinen Personalausweis ausstellen und beantrage meinen Pass. Ich organisiere, dass meine Mama nach Tunis kommt um dann zu Ferienbeginn mit den Kindern nach Österreich zu fliegen. Ich will sie einfach in ruhiger Umgebung, fernab von Machtspielen, bei Einleitung des Scheidungsverfahrens wissen. Sie sollen 6 Wochen in Österreich verbringen, dann wieder nach Tunis kommen. In Tunesien muss der Mann – zum damaligen Zeitpunkt – sein schriftliches Einverständnis geben, wenn seine Kinder das Land ohne ihn verlassen. Daher heißt es für mich nach wie vor "Gute Miene zum bösen Spiel" machen.

Verbale Ausfälle seinerseits sind an der Tagesordnung. Er spürt, dass ich auf Rückzug bin, rechnet aber überhaupt nicht mit Scheidung, weil ich ständig versuche beschwichtigend, deeskalierend und freundlich zu bleiben. Es ist ein sehr bedrückendes, unangenehmes Zusammenleben. Der Abflugtag naht. Wir fahren alle gemeinsam zum Flughafen Tunis-Carthage und mein Mann unterschreibt die Ausreisegenehmigung, meine Mama und ich schauen uns wissend an, dass ab sofort alles anders wird. Sie fliegen und wir fahren nach Hause. Ich schlage vor, am Nachmittag nach Sidi Bou Said in das "Café des Nattes" zu gehen. Das tun wir dann auch. Ich verspüre Vorfreude seinerseits. Er ahnt nichts.

Ruhig, konzentriert, aber bestimmt verkündige ich ihm, dass wir in einer Woche einen Termin bei der gerichtlichen Scheidungsberatung hätten. Er ist verstört, glaubt es nicht. Benimmt sich auch so. Es werden 5 harte Monate: Er stalkt mich, kontaktiert alle Kunden, Lieferanten, Freunde, den Hausbesitzer, dass ich mich scheiden lassen will… spricht schlecht über mich. Überlässt mir die Firma mit 30.000€ Schulden, nimmt mir das Auto weg, kümmert sich nicht um die Kinder, zahlt keine Alimente und fliegt im Dezember zum Arbeiten nach Fuerteventura.

...Niemand hat eine Vollmacht, noch kein Scheidungsurteil… wie schaffe ich das?

© die_sage_der_gudrun 2020-09-07

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