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Terror-Anschlag … déjà-vu

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Terror-Anschlag … déjà-vu | story.one

11. April 2002, Djerba.

Die Kinder in meinem Kindergarten Krixi Kraxi in Houmt Souk, Djerba, sind mit ihren Schreibübungen, Bastelarbeiten, Malen und Spielen beschäftigt als wir immer wieder die Sirenen von Polizei und Rettung hören, die vorbeifahren. In dieser Frequenz, in dieser Geschwindigkeit? Was ist da passiert? Wir gehen vor die Türe – mein Kindergarten ist in einer Villa untergebracht, umgeben von einem kleinen Garten – beobachten von der Veranda aus, wie zahlreiche Rettungswägen den Kreisverkehr von Ajim überqueren. Wo fahren sie hin?

Kurz darauf bekommen wir einen Festnetz-Anruf – Handys haben wir noch keine – es sei ein Anschlag in Erriadh passiert. Der Verdacht drängt sich auf, dass die sich dort befindliche Synagoge, die älteste in Afrika, das Anschlagsziel geworden ist.

Wir hören Radio und es wird vom staatlichen, von Ben Ali's Partei zensuriertem Sender, verkündet, dass es sich um einen Unfall handelt. Ein Lastwagen sei am Tor vor der Synagoge explodiert. Kann es das geben, gibt es solche Zufälle? Die Unwissenheit, die Spekulation, die Gerüchte machen mich fertig. War es nicht doch ein Anschlag?

Eine Freundin, die bei TUI arbeitet, ruft mich an: Es war ein Anschlag! Es gibt mehrere Tote Touristen, Deutsche, aber auch Tunesier, die sich in der Synagoge befanden als ein mit Flüssiggas beladener LKW in die Synagoge raste. In dem Moment bleibt die Welt stehen und alles wird still. Das passiert bei mir um's Eck?

Wir erfahren in den folgenden Wochen, dass es ein Attentäter war, der in Europa gelebt hatte, wieder nach Tunesien zurückgekehrt war und nun hier fast 20 Menschen ermordet hat. Es ist nichts mehr, wie es vorher war, wenngleich die damalige Regierung eine Vertuschung, Verwischung der Tatsachen versucht. Die Bauschäden werden sofort repariert, alles neu gestrichen, als wenn NIE etwas passiert wäre. Es bleiben viele Trauernde, viele Zurückgelassene… der Schock sitzt tief!

Die wirtschaftlichen Schäden sind Wochen später spürbar: weniger Touristen, dadurch weniger Umsatz in allen Branchen. Dadurch haben auch Ärzte keine Privatpatienten, keine Einnahmen. Djerba lebt vom Tourismus. Mein Kindergarten leidet unter den finanziellen Ausfällen, Eltern, die nicht zahlen können. Ich lasse die Kinder dennoch jeden Tag kommen und hoffe auf bessere Zeiten und eine Wiederkehr der Touristen. Inchallah passiert das auch!

18 Jahre später ein ähnliches Szenario mitten in Wien. Rettungs- und Polizeiautos überall. Verletzte und leider auch Tote, nach einem Terrorakt eines wahnsinnig gewordenen jungen Mannes. Die Angst steckt uns in den Knochen – wie konnte das passieren?

Ich habe ein Déjà-vu und weiß, es wird wieder. Die Zeit heilt Wunden und es wird wieder bergauf gehen!

© die_sage_der_gudrun 2020-11-05

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