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Verlieben verboten

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Verlieben verboten | story.one

Die Kindheit prägt die Jugend. Die Jugendzeit schlägt Wellen bis ins Erwachsenenalter. Wie eine Seifenblase, die aufsteigt, dünn und zerbrechlich, so ist sie den externen Widrigkeiten ausgesetzt. Ungeschützt ist auch das eigene Wesen der subjektiv menschlichen Urteilsfähigkeit ausgeliefert, sobald der Hammer auf den Richtblock niederknallt, bis das dadurch erzeugte sinistre Echo durch Mark und Bein geht.

Ein harter und heftiger Sturm fährt in einen zart-rosa schönen Kirschblütenbaum und reißt das blühende Kleid in Fetzen. Menschenfäuste schlagen mit schallendem Gelächter und gegenseitigen Anfeuerungen auf ein Gesicht ein und schwungvoll motivierte Füße treten in den weichen Bauch.

Ich ließ mich nicht durch die andere definieren, ich definierte mich selber. Ihre Schatten machten mich nicht klein und auch ein Schultag geht mal zu Ende.

Wenn ich am Flur saß, Musik hörte, dabei gleich einer Schneeflocke mit den Songs verschmolz, erschuf ich meine eigene Atmosphäre und versorgte die inneren Wunden, aber leckte nicht die Äußeren. Wozu das Ganze?

„Das hat gestern riesigen Spaß gemacht“, zwitscherte eine Mitschülerin ihrer Freundin zu. „Und dass du bei mir übernachtet hast war super lustig“, hielt sie ihre Hände als hätten sie die Unabhängigkeit eines Landes gerade ausgehandelt, dabei lachten sie im Chor, munter und laut, und gingen im Kopf bestimmt die einzelnen Szenen des Vortages durch. „Meine Mama ist nicht dahintergekommen, dass wir uns an ihren Alkoholvorrat vergriffen haben."

Die Stimmen nahm ich auf und ich blickte in ihre heiteren Gesichter.

„Am Wochenende müssen wir die Ärsche aber schlagen“, unterhielten sich ein paar Jungen. „Die dürfen nicht gewinnen.“

„Das Match wird schon werden, Alter“, motivierte ihn ein anderer. „Die überrollen wir wie eine Lawine, haha.“

„Wenn wir verlieren lachen uns die Schweine aus dem Kaff aus, da hab ich keinen Bock drauf“, grunzte er und blitzte mich mit seinen Augen an. „Was schaust du mich an? Schau auf den Boden?“, bellte er und ich gehorchte.

Dann setzte ich mich an einen anderen Platz, die Ohrstöpsel behielt ich auf, so konnte ich trotz leiser Musik die anderen im Umkreis hören.

„Ich fand den Abend mit dir gestern traumhaft schön“, sagte ein Mädchen aus der Parallelklasse zu einem Jungen. Sie liebäugelte verliebt, den Ausdruck kannte ich, glühend rote Wangen und ein honigsüßes Lächeln.

„Ich hoffe, ich hab dir gestern nicht wehgetan?“, fragte der Junge mit rücksichtsvoller Stimme und wirkte doch verlegen. „Ich hab sowas…also, es war mein…“, er fand keine Worte aber ich ahnte den Inhalt bis ins Detail.

„Alles in Ordnung“, erwiderte das Mädchen mit hochroten Wangen und dem hübschen lieblichen Lächeln. „Mir geht es gut!“, versicherte sie und achteten nicht auf mich.

Welch unterschiedliche Leben wir doch führen, dachte ich, zwar atmen wir dieselbe Luft, aber ich hatte nie einen Übernachtungsgast, noch Freunde für eine Unterhaltung, und mich verlieben war verboten.

© Elis Xylander 2021-06-10

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