skip to main content

#solidarität#corona#postcovid

Post-Covid-Syndrom – Winterschlaf

  • 58
Post-Covid-Syndrom – Winterschlaf | story.one

Im November letzten Jahres drang der fiese König mit seinen Stacheln in meinen Körper ein. Ich unterwarf mich ihm und er regierte über jede meiner Zellen. Doch nach zwei Wochen gelang es mir, ihn von seinem Thron und aus meinem Körper zu stoßen. Ich war letzten Endes um Einiges stärker als er. Zum Glück. Zum Glück entfesselte ich Kräfte, um ihn ins Exil zu verjagen. In mir tobte der Siegeswille. Das Licht des Erfolgs gleicht dem Sonnenlicht: Es wärmt dich und beschert dir unbändige Zuversicht, allerdings blendet einen gleißende Sonnenstrahlen. Zwar besiegte ich den König, doch er hinterließ enorme Trümmer, die ich zunächst im Licht nicht sah. Die ich, gepackt von Triumph und Erleichterung, schlicht und ergreifend auch nicht sehen wollte.So vergingen zahlreiche und endlose Nächte, in denen ich mich nie wunderte, wieso den zahlreichen und endlosen Nächte etwas fehlt; mir etwas fehlt. Und zwar Schlaf. Seither, seit dem Sturz des Königs, verwehrt man mir den Schlaf. Seine Trümmer hindern die Nacht daran, mir mehr als zwei bis drei Stunden erholsamen Schlaf zu gewähren. Mein Körper geistert durch eine Tundra der Ermüdung. Planlos irrt er, bis er die goldene Stadt El Dorado findet. Die Stadt, in dem der Gott des Schlafes, Hypnos, ihm eventuell den Schlaf gewährt. Auf seinem Weg trifft er auf viele Seelen, die ihm nicht zu helfen wissen. Denn die Trümmer des Königs zu beseitigen, bedarf viel Vorsicht, die noch erforscht werden muss. So nehme ich jeden Ratschlag in Richtung El Dorado dankend an.Genug Kräfte besitze ich, um durch die Tundra zu wandern. Es scheitert nicht an meinem Körper, er funktioniert – wie auch immer, er es ohne Schlaf bewältigt. Allerdings leidet meine Seele mehr; sie lechzt nach Schlaf. Letztlich bin ich nichts anderes außer einer müden Seele in einem wachen Körper. Einst war ich eine wache Seele in einem wachen Körper. Ich verfiel in einen Winterschlaf. Vielleicht erreiche ich auch El Dorado nie, vielleicht muss auf meiner Reise nur der Frühling mir entgegenwehen. Sein Wind könnte mich wecken. Wann ich aufwachen werde, das kann ich nicht sagen. Wann mir der Frühling herbeiwinkt – die Antwort liegt in der Ferne der Tundra verborgen.Ich weiß, viele leiden unter größeren Trümmern, die in ihnen hinterlassen wurden. Nun liegt es an allen, zu zeigen, welche Folgen der Krieg mit dem König in uns wüten. Wir müssen zusammenhalten, denn an den Thron wird er immer wieder versuchen, zu kommen. So schützen wir uns und unsere Mitmenschen, um weitere Trümmer in uns zu verhindern. Ich hatte Glück, dass mich nur der Fluch des Winterschlafes traf, der mit einem Frühling hoffentlich enden wird.Die Folgen des Virus sind ernst. Es wird viel über sie gesprochen, aber sie werden nicht ernstgenommen. Ich bin nicht gefangen in Ermüdung aufgrund des Winters. Ich bin gefangen seit der Herrschaft des Virus in meinem Körper. Nun liegt es an allen, gegen ihn zu kämpfen. Und der beste Weg ist es, uns alle zu schützen, anstatt zu rebellieren.

© Erdim Özdemir 2021-02-23

Post-Covid-Syndrom

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.