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Der erste Fernseher

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Der erste Fernseher | story.one

Endlich ist es soweit. Ein Fernseher kommt ins Haus! Eine Sensation! Er kommt nicht ins Wohnzimmer, sondern in Omas kleine Dachstube. Ein Traum in weißem Schleiflack, Marke BRAUN, das modernste, was auf dem Markt ist. Wie es sich bei so einem Ereignis gehört, wird der Apparat feierlich eingeweiht. Die Nachbarn kommen in Omas kleine Stube, es gibt Salzstangen, Fischlis und Holundersaft. Vater ĂŒberprĂŒft noch einmal den Antennenanschluss und dann kommt der große Moment. Er drĂŒckt auf den Schalter. Es knackt ganz kurz. Alle starren gebannt auf den Bildschirm.

Es ist ein ausgesprochen schöner Fernseher, sehr elegant. Weiß und schick. Aber es kommt kein Bild! Vater hĂŒstelt nervös, murmelt etwas wie: “Beim ersten Mal kann es ein bisschen dauern!” Schließlich wird es auch ihm zu lang, er ĂŒberprĂŒft noch einmal den Schukostecker. Der sitzt perfekt. Auch die Antenne ist in der richtigen Buchse. Er drĂŒckt noch einmal den Schalter. Wieder dieses kleine, kurze Knacken. Fast ein Zischen. Und weiterhin Stille. Kein Bild. Kein Ton. Nichts!

Jetzt werden sĂ€mtliche Regler ausprobiert. LautstĂ€rke, Klang, Sender. Alles umsonst. Der Fernseher tut keinen Mucks und steht schön, aber blind in seiner Ecke. Vaters Kopf ist inzwischen hochrot. WĂ€hrend die Frauen sich angeregt ĂŒber andere Dinge unterhalten, Saft trinken, GebĂ€ck knabbern und den Fernseher gar nicht mehr beachten, stehen die MĂ€nner vor dem Apparat und fachsimpeln. Das MeisterstĂŒck deutscher Ingenieurskunst bleibt stumm. Wie kann das nur sein? Vater wird immer nervöser. Er schimpft mit sich selbst. Warum er denn nicht vorher schon mal ausgetestet hat, ob der teure Apparat ĂŒberhaupt funktioniert. Die Kinder hören erstaunt, wie er sich selbst als Rindvieh, Hornochse, Nasentier bezeichnet.

Dann stĂŒrmt er schimpfend aus dem Zimmer. Die Festgesellschaft löst sich irgendwann auf, man bedankt sich fĂŒr die nette Einladung und verabschiedet sich ohne Groll. Nur die Jungs sind sehr geknickt. Es hĂ€tte der Beginn eines neuen Zeitalters werden sollen. Tante Anna spielt mit ihnen eine Runde Karten, um sie abzulenken. Vater kommt nach Hause und erzĂ€hlt, dass der HĂ€ndler das GerĂ€t am nĂ€chsten Tag austauschen werde.

Am nĂ€chsten Abend klappt es tatsĂ€chlich. Friedel wird fast verrĂŒckt vor Aufregung, als es nach dem Knopfdruck nicht nur knistert, sondern tatsĂ€chlich ein Bild erscheint. Er tanzt vor Freude in Omas kleiner Stube auf und ab, bis Oma schließlich sagt: “Nu setz dich mal wieder auf deinen Podex und schau zu!” Die Fernsehzeitschrift heißt HÖR ZU. Komischerweise. Die Kinder lieben sie, samt Mecki, dem Igel. Am schönsten ist, wenn die ganze Familie in Omas StĂŒbchen hockt und eine Ratesendung guckt. Oder die spannenden Dreiteiler, die im Zweiten Programm gezeigt werden: Robinson Crusoe, spĂ€ter auch Die Schatzinsel. Die sind allerdings so spannend, dass Friedel immer mal aufspringen, rausrennen oder an den NĂ€geln knabbern muss. Musik und Bilder verfolgen ihn bis in seine TrĂ€ume.

© Erdmann KĂŒhn 2021-10-14

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