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#dazulernen#tangoargentino

Busen an Busen

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Busen an Busen | story.one

Als ich 2010 mit dem Tango begonnen hatte, gab es kaum Frauen, die geführt haben. Und die forderten damals keine Anfängerinnen auf. Doch als Burgi begann führen zu lernen, wurde ich von ihr aufgefordert. Ich glaube, wir sind ähnlich groß, jedenfalls sind unsere Busen anscheinend ungefähr in der gleichen Höhe angebracht. Weil ich kann mich noch an das Erstaunen erinnern, mich in einer Umarmung wiederzufinden, wo sich unsere beiden Busen, die vier Brüste quasi, wie Zahnräder ineinander miteinander verbanden. Ihrer, meiner, ihrer, meiner.

So fühlt sich das also an.

Später wurden es mehr Frauen und seit zwei oder drei Jahren boomt es richtig, dass Frauen führen lernen. Durch den vorherrschenden Damenüberhang auf Milongas hatten es auch weniger gut tanzende Männer lange nicht nötig, sich nachhaltig um ihre Tanzqualitäten Sorgen zu machen. Doch nun kommt es langsam zu einem Wandel, der auch solche Herren dazu bringen wird, sich wieder quasi in Weiterbildung zu begeben.

Ich selbst gebe schon länger Frauen, die gut führen, den Vorzug gegenüber einzelnen Männern, die drücken, ziehen, reissen, neben der Musik tanzen, nicht auf die Ronda achten oder keine Verbindung haben. Und seitdem ich damit begonnen habe, es selbst zu lernen, wurde mein Motto (mit Augenzwinkern), bevor mich jemand schlecht führt, führe ich lieber selber (schlecht): Vielleicht und hoffentlich gelingt es mir, irgendwann diesen „Pilotenschein“ des Tangoführens zu ertanzen, wo man seinen Co-Piloten und sich zu wunderbaren Rundflügen in die Musik steuern kann.

Ich finde es jedenfalls spannend, dass diese strikten Geschlechterrollen, die im Tango besonders Gesetz sind, sich verändern. Und sogar manche Irrtümer klären sich nach Jahren auf.

So hatte ich die Aussage von Männern, sie seien müde oder ihnen gefiele die Musik nicht, früher ausschließlich als höfliche Ausrede gewertet, dass jemand nicht mit mir tanzen will. Was zum Teil auch gestimmt haben mag. Aber seitdem ich das mit dem Führen selbst begonnen habe zu lernen, erfahre ich am eigenen Leib, dass Führen tatsächlich um einiges anstrengender ist als Folgen – und somit auch ermüdender. Und, dass ich zwar zu jeder Tangomusik tanzen kann, wenn mich ein Leader gut führt. Aber damit ich führen kann, also die Musik interpretieren, ich sie wirklich mögen und am besten auch kennen muss.

Und nicht nur Frauen tanzen miteinander. Auch Männer tun das jetzt verstärkt. Weil es interessant und hilfreich ist, wenn man von beiden Rollen im Tanz eine leibhaftige Erfahrung hat. Es wird dadurch leichter, eine Einheit aus der Sache zu machen.

Und noch eine Konstellation ergibt sich aus diesem neuen Wandel. Dass man innerhalb einer Tanda die Rollen wechselt. Das passiert fast automatisch, wenn zwei Frauen (oder zwei Männer) miteinander tanzen, wenn beide in beiden Rollen Erfahrungen haben. Doch es passierte auch schon, dass mich ein Mann zum Tanz auffordert und dann will er die Hälfte der Tanda geführt werden.

© Eva Hradil 2021-10-28

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