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#sinneseindrücke#vomlebenlernen

Schülerin meines Gartens

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Schülerin meines Gartens | story.one

Mein Garten ist Omas Garten. Er hat mich Stück für Stück bekommen, schon als Oma noch lebte. Am Wochenende, wenn ich in meine Heimatgemeinde zurückkam, dann besuchte ich sie.

Anfangs erledigte ich klar definierte Aufgaben: „Eva, kannst Du bitte …? Das Werkzeug dafür ist … .“ Später wuchsen Bereiche des Gartens automatisch in meine alleinige Zuständigkeit, weil meine Oma, je älter sie wurde, ihre Tätigkeiten immer enger ums Haus konzentrierte.

Meine Oma lebt schon lange im nächsten Garten, seit mehr als 20 Jahren ist ihr Garten eigentlich mein Garten. Aber noch eigentlicher bin ich seine Schülerin. Er ist mein Lehrmeister in Sachen Geduld, Beständigkeit, Jahreszeiten, Miteinander, Eingreifen und Lassen, angewandte Philosophie. Er ist meine Workout-Station. Und er ist mein Therapeut. Weil, nach dem Arbeiten im Garten ist – zumindest für einige Zeit lang – nichts so schlimm, wie es davor erschien. Er ist auch eine berufliche Nachdenkhilfe, da beim Arbeiten mit den Händen, der Geist herumfliegt. Sich da und dort niedersetzt; um – durch geheimnisvolle Programmierungen – neuen Input aus dem Garten zu ernten für Fragen, die in der Anflugschneise vor einer Landung waren, weil ihnen die Antworterlaubnis gefehlt hatte.

Mittlerweile braucht auch er Geduld mit mir. Weil ich lange nicht mehr alles „tue“, was zu tun wäre. Mittlerweile bin ich nämlich auch Schülerin einer Nachbarskatze, die zuerst den Garten, dann das kleine Haus und mich annektierte und ihre Spielregeln in mein Gemüt verschnurrte. Und so lernte ich, dass man auch neben ganz viel Arbeit Ruhe geben kann. Sich dehnen und strecken, lächeln, und sich einkringeln und genüsslich noch eine halbe Stunde dranhängen.

So viele Tiere leben im Garten, ich bin immer wieder berührt und erstaunt. Ich habe einer Äskulapnatter beim Häuten zugesehen –bringt sie sich damit jedes Jahr aufs Neue zur Welt? Weil an Geburt oder aus dem Ei schlüpfen erinnert der Vorgang nachhaltig.

Ich erlebe diese kleinen Vögelchen, die mich so faszinieren. Wenn einmal eines gegen eine Fensterscheibe geflogen ist, und ich es aufhob, damit es weder Katze noch Frost kassieren, und ich es dort behielt, bis alle Systeme wieder abflugbereit waren, erstaunt mich, wie leicht – federleicht macht da wirklich Sinn – so ein kleines Stück Leben ist. Und gleichzeitig, wie viel pure Energie darin steckt. Ein wunzigkleines Kraftwerk mit Singvorrichtung.

In diesem Garten sind so viele gute Stunden – schon in meiner Kindheit begonnen – gesät worden auch durch mich selbst, die im jeweiligen heute als Erinnerung wachsen, sobald man an die Stelle tritt oder denkt.

Dabei sind Gerüche und Geräusche stark mitverantwortlich, um der Netzhaut zu helfen, gewonnene Eindrücke auf die Festplatte zu speichern. Mit den Sinnen lernen. Danke Garten! Danke Oma!

© eva hradil 2021-03-09

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