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#kochen#zeitnehmen#vorspiel

Selbstbefriedigung.

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Selbstbefriedigung. | story.one

Die Tage, an welchen es nicht passiert, sind sehr selten. Viel zu sehr habe ich mich daran gewöhnt und schätze es.

Das Vorspiel dauert meist ungefähr eine halbe Stunde, manchmal länger, aber dann ist das wegen einer Abwartezeit, die zwischenzeitlich mitgeplant werden muss. Gewissermaßen eine Garzeit. Und, wenn es irgendwie geht, gibt es danach ein wunderbares Nachkuscheln. Am Sofa meist. Und, wenn es nur zehn Minuten sind. Besser eine halbe Stunde.

Essen ist der Sex des Alters – habe ich mal vor Jahren das erste Mal gehört und mich darüber lustig gemacht. Nun wachse ich wohl langsam in das Alter hinein. Wobei ich immer schon gern gegessen habe. Und immer schon ganz gut gekocht habe. Und sich beide Begriffe ja nicht ersetzen müssen, sondern ergänzen dürfen.

Kochen ist eine Selbstbefriedigung.

Manchmal interessiert mich das Experiment durchzuführen zehn kochenden Menschen die gleichen – sagen wir mal fünf – Zutaten zu geben und ein Arsenal an Gewürzen, um zu sehen, was jeweils daraus entsteht. Wobei nicht alle fünf Zutaten verwendet werden müssen, einfach nur ein befriedigendes Mittagessen zustande kommen soll. Es wären – so schätze ich das ein – zehn verschiedene Gerichte, die entstünden. Zehn Persönlichkeitsspiegel?

Weil so koche ich. Ich überlege nicht im Vorhinein, was ich koche und kaufe danach ein. Oder das mache ich auch, aber nur, wenn ich auch für Gäste koche oder backe. Wenn es für mein Mittagessen ist, läuft es andersherum. Ich schaue, was da ist – und dann entscheidet mein Tageslaunengusto, was dem Organismus Freude macht und die Hände bereiten das dann zu.

Ich liebe mich dafür – Selbstliebe ist ja wichtig – dass ich darin gut bin. Ich kann, selbst wenn scheinbar gerade fast nichts Sündiges daheim ist, durchaus Sündiges aus einfachen Zutaten zaubern. Das Ganze ist mehr als die Summe der Zutaten – wo wird das sichtbarer als beim Kochen und Backen. Weil da immer auch die Zeit einen Faktor spielt. Liebevolles Vorspiel. Wer einen Kuchen macht, wirft ja nicht nur die Eier, Zucker, Mehl und Butter in eine Backform. Man vereint sie. Verbindet sie. Macht eine Einheit aus ihnen. Umso länger gerührt wird (mit wenigen Ausnahmen, wie z.B. Mürbteig) desto flaumiger wird er.

Wer also flaumigen Sex – äh Kuchen will: Wunderbare Zeit und Aufmerksamkeit ins Vorspiel legen. Wobei ein Butterbrot auch gut schmeckt, wenn es schon die Zutaten sind, obwohl die Zubereitung quickie geht. Aber, wenn Kuchen, dann mit mehr investierter Zeit als beim Butterbrot.

Ist es nicht wunderbar, dass etwas, das wir zum einfachen Überleben brauchen – essen – richtigen Genuss bringen kann?

Ich selbst koche selten nach Kochbuch. Beim Backen halte ich mich schon eher an angegebene Mengen. Einzig bei Gerichten, die ich aus der Kindheit kenne, versuche ich diese lang gekannten und erkannten Geschmackserinnerungen zu treffen, und folge somit den Rezepten der beiden Omas.

© eva hradil 2021-03-21

ZeitEssen

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