skip to main content

#weitgereist

Jademeer

  • 127
Jademeer | story.one

Eine endlose Steinwüste breitet sich unter uns, schroffe Felsen und Berge, kein grünes Blatt zu sehen. Und plötzlich wie von unsichtbarer Hand gemalt, ein türkisfarbener Streifen am Horizont. Die kleine Maschine ruckelt kurz in einer plötzlichen Böe und gleitet langsam auf eine unsichtbare Landebahn zu. Unter uns winkende Menschen, sonst nur graues Gestein. Ein größeres Gebäude verschwindet unter uns, wir setzen holperig auf und rollen bis zum Ende der Piste.

Wolfgang holt uns mit einem staubigen Geländewagen ab. Sein „Oasis Club“ lag einst direkt am Turkana See, der 11 x größer als der Bodensee ist und wegen seiner einmaligen Farbgebung Jade Meer genannt wird. Der Omo Fluss von Äthiopien kommend, ist die Lebensader des Sees. Für gigantische Energieprojekte wird heute das Wasser zur Bewässerung aufgestaut und lässt den Wasserspiegel bedrohlich sinken. Langsam versalzt dieser für die Turkanas lebenswichtige See. Jetzt muss man 20 Minuten fahren um ans Seeufer zu gelangen.

Wolfgang wird verkaufen. Die Zeiten wo Promis wie Mick Jagger, David Bowie, Thomas Gottschalk in diese Mondlandschaft einflogen, sind vorbei, wie auch Foto shootings und Individual Tourismus. Turkana, die Wiege der Menschheit mit den ältesten Knochenfunden afrikaweit, versinkt im Dämmerschlaf. Das Weltkulturerbe ist in Gefahr.

Wir spazieren durch das Dorf, vorbei an einer winzigen Hütte aus Schilf, an der ein schiefes Schild „Hilton“ hängt. Ein heißer trockener Wind wirbelt Staub auf, durch den die Menschen wie mit Weichzeichner fotografiert erscheinen. Am Ufer liegt ein riesiges Krokodil mit aufgesperrtem Rachen, in dem kleine Vögel eine Zahnreinigung vornehmen. Ungefährlich wenn sie so daliegen erklärt Wolfgang, sie sind satt. Abends ziehen die Männer mit Fangnetzen hinaus. Unzählige Fischarten ernähren die Menschen und Krokodile. Mit dem Boot fahren wir zur Central Island. Ein bewaffneter Führer kommt mit. Die Insel ist eigentlich ein Vulkan voller Wasser, an dessen Rand man herumwandern kann. Der kleine See ist voller Krokodile, die sich vermehren und nicht mehr genügend Raum und Nahrung haben. Sich irgendwo an den Rand zu setzen ist nicht angeraten, so mancher hatte keine Zeit mehr dies zu bereuen. Unheimlich, wie uns die vielen Augen verfolgen. So ganz wohl ist mir nicht in meiner Haut!

Zurück im Dorf kaufe ich den Frauen handgeschnitzte, mit Perlen verzierte Puppen und geflochtene Matten ab. Weitere Krokodile haben sich eingefunden. Ein LKW knattert vorbei und hält auf dem Dorfplatz. Säcke mit Bohnen und Maismehl werden abgeladen, die einzige Abwechslung auf dem Speiseplan.

In der Lodge genießen wir einen sensationellen Sonnenuntergang und einen vorzüglichen Nilbarsch mit gekühltem Weißwein. Es bleibt nicht bei einem Glas, wir sind seit langem die einzigen Gäste und Wolfgang hat Gesprächsbedarf. Ein toller Abend.

Der Pilot fliegt zum Abschied am nächsten Morgen eine tiefe Extraschleife über den glitzernden See.

© Evelyn Weyhe 2020-11-25

Reisen

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um Evelyn Weyhe einen Kommentar zu hinterlassen.