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#realersozialismus#spionage

Spionageabwehr

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Spionageabwehr | story.one

Langer grauer Ledermantel, kurz geschorenes Haar, neben ihm ein Mann wie sein Klon. Ist das unser alter Freund Knuth? Zögernd schultert Michi unsere Reisetasche und geht auf die beiden zu.

Wir sind morgens in München Riem mit Ziel Berlin gestartet. Dann bei check-point Charlie über die Grenze in den Osten. Kalter Krieg, Sozialismus, Mauer, Denunziantentum. Prickelnde Neugier, mulmiges Gefühl, Freude über das Wiedersehen mit unserem Freund. Er ist ein ehemaliger Kollege meines Mannes in der Werbeagentur und war als Texter beschäftig. Bis zu dem Tag wo der BND vor der Tür stand, seine Wohnung durchsuchte, und uns befragte in welchem Verhältnis wir zu ihm stünden. Wir waren wie vor den Kopf geschlagen – unser Freund ein DDR-Spion? Eines Tages traf ein Brief von ihm ein, abgestempelt in Hamburg. Er sei in Ost-Berlin, wir sollten uns treffen, wir müssten reden.

Jetzt stehen wir uns gegenüber und sind verlegen. Irgendwie kommt kein richtiges Gespräch zustande, was wohl auch daran liegt, dass dieser andere Mann uns stumm wie ein Schatten folgt. Knuth hat ihn nicht vorgestellt, er ist einfach mit dabei. Wir werden ins Hotel Berlin gebracht und verabreden uns für den Abend zum Essen. Unsere Pässe will er haben wegen des Visums. Unsere sind nur 24 Stunden gültig, wir wollen aber ein paar Tage bleiben. In unserem Zimmer untersuchen Michi und ich alles nach Wanzen. Unsere Unterhaltung findet schriftlich statt. Wir grinsen dabei, vieleicht haben wir zu viele schlechte Filme geschaut.

In den nächsten Tagen wird uns klar, dass Knuth uns anheuern will. Wir werden in die besten Restaurants ausgeführt, trinken Rotkäppchen-Sekt, essen alles, was es sonst nicht gibt. Wir reden uns die Köpfe heiß, politisieren, disputieren, diskutieren. Und immer der Klon dabei. Ich will nur noch nachhause. Habe Sehnsucht nach unserer kleinen Tochter, nur weg aus diesem traurigen Umfeld. Das ist nicht unser Knuth mit dem wir unbeschwert in München um die Häuser gezogen sind.

Michi und ich beschließen ihn glauben zu lassen wir wären einverstanden. Von nun an werden wir genauestens instruiert in welcher Verschlüsselung wir uns melden sollen und – falls uns einer gefolgt sein sollte, was nicht sein würde, denn der letzte sei immer einer von ihnen – wurde uns die Beschreibung einer Wohnungseinrichtung eingebläut, in dem er angeblich lebe. Die Aufgaben würden folgen.

Am nächsten Morgen warten wir unruhig beim Frühstück auf Knuth und unsere Pässe. Als er endlich erscheint, klopft er uns kameradschaftlich auf die Schulter und schiebt uns einen Umschlag hin. 1000 West-Mark für unsere Unkosten. Oder eine Anzahlung? Egal, zurück über die Grenze und weg. Ich sehe mich nochmal um, Knuth und der Klon hoben grüßend die Hand.

Unsere Pässe zeigen das Datum unserer Abreise. Perfekt gemacht.

Die nächsten Wochen steht immer mal wieder eine schwarze Limousine mit einem Mann darin vor der Tür. Irgendwann nicht mehr.

Knuth haben wir nie kontaktiert und auch nie mehr gesehen.

© Evelyn Weyhe 2020-12-06

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