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Sudan-Tristesse

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Sudan-Tristesse | story.one

Die Cessna landet wackelig auf der Schotterpiste und kommt vor einem Holzschuppen zum Stehen. Schwer bewaffnete Soldaten, manche von ihnen noch Kinder, kommen heraus und umringen unser Flugzeug. Mit finsteren Mienen kontrollieren sie unser Gepäck, winken uns durch, nicht ohne vorher um Geld gebettelt zu haben. Die Dollarnoten verschwinden hastig in den Hosentaschen. Aus der Kühlbox nehme ich einige Cola Dosen, die gierig herumgereicht werden. Die Hitze umfängt uns wie eine Heizdecke. Heißer Wind lässt kleine Windhosen wie Derwische vor uns tanzen.

Hier sind wir inmitten eines der gefährlichsten Kriegsgebiete des Südsudan. Mein Chef und ich besuchen ein von deutscher Entwicklungshilfe unterstütztes UNHCR Projekt in der Western Bahr el Ghazal Region. Unser Mitarbeiter erwartet uns in einem zerbeulten Land Rover und bringt uns in ein erstaunlich modernes und kühles Büro. Die „Operation Lifeline Sudan“ wird besprochen und die Zusammenarbeit der beteiligten Geberländer. Unzählige Flüchtlinge bewegen sich auf die Stadt Wau zu, ein Camp muss errichtet werden. So vergeht der Tag. Mein Kopf ist voller schrecklicher Bilder, die unser Mitarbeiter heimlich mit seiner Minikamera geschossen hat.

Eine junge Engländerin kommt herein und stellt sich als Emma vor. Sie arbeitet für ein Straßenkinderprojekt. Finanziert durch UNICEF entstehen hier über 100 Schulen. Emma ist unglaublich sympathisch, strahlt Zufriedenheit aus. „Im Herzen bin ich Sudanesin“, sagt sie lachend, als sie sich verabschiedet. Der Südsudan ist ihre Heimat geworden. Später erfahre ich warum. Unser Mitarbeiter erzählt, dass sie mit dem Rebellenführer Riek Machar verheiratet ist und sich engagiert für die Befreiung vom Norden mit einsetzt.

Inmitten dieser Kriegswirren und Hungersnöten lebt sie, beflügelt von dem Gedanken, den Menschen so gut sie kann zu helfen. Ein großes Anliegen sind ihr die Kindersoldaten. Im Laufe der Jahre rettet sie 150 von ihnen. Einer ist ein bekannter Hip-Hop Sänger geworden, Emmanuel Jal. Er widmet Emma ein Lied in seinem Album.

https://www.ted.com/talks/emmanuel_jal_the_music_of_a_war_child

Emma verspricht, sich bei ihrem nächsten Besuch in Nairobi bei mir zu melden. Wir tauschen Telefonnummern aus. Erst Jahre später ruft sie an, sie ist in Nairobi. Sie ist schwanger und will bis zur Geburt bei ihrer Mutter bleiben. Wir verabreden uns bei mir zum Lunch.

Sie kommt nicht. Ich sollte sie nie wiedersehen.

Am 24. November 1993, dem Tag unseres Treffens, verunglückt sie tödlich bei einem Verkehrsunfall in Nairobi, nicht weit von meinem Haus entfernt.

Ihr Ehemann Rick Machar wurde Vizepräsident des Südsudan. Er unterzeichnete 1997 in Khartoum den Friedensvertrag. 2011 wurde der Südsudan unabhängig.

Emmas Mutter Maggie McCune hat ein sehr berührendes Buch über ihre Tochter geschrieben: „Till the Sun Grows Cold“. Ich blättere oft traurig darin und bedaure es, Emma nicht näher gekannt zu haben.

© Evelyn Weyhe 2021-04-02

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