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Traum

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Traum | story.one

Die Sandmulde am Hang passt sich genau ihrem Körper an. Der Rücken schmiegt sich in die Kuhle. Die Arme hält sie unter dem Kopf verschränkt, die Augen hat sie genüsslich geschlossen. Eine sanfte Brise streichelt ihren Körper. Sie öffnet die Augen und beobachtet die unzähligen weißen Wolkenschiffchen, die über den Himmel ziehen. Sie versucht Figuren in den Wolkenbergen zu erkennen. Ein Drache, eben noch feuerspeiend, sich nun auflösend in eine lachende Schildkröte verwandelnd, bis sie ein Gesicht zu sehen vermeint.

Sie löst ihren Blick vom tiefblauen Himmel und schaut hinunter in die Ebene. Eine nicht enden wollende Gnuherde zieht von Süden heran. Wie eine Ameisenstraße wälzt sich der endlose Zug durch die weite Landschaft über die fernen grünen Berge. Der Fluss ist das Ziel. Es scheint als ob alle Tiere Afrikas sich plötzlich in der Ebene tummeln.

Sie denkt: Ich bin im Paradies und ich bin ein Teil davon. Ein großer Friede überkommt sie. Gebannt beobachtet sie das Schauspiel wie tausende von Tieren sich an der Wasserstelle tummeln, sich jedoch nachdem sie ihren Durst gestillt haben, nicht weiter bewegen. Sie warten auf etwas, denkt sie.

Gerade als sie aufstehen will, zieht ein scharfer Wildgeruch an ihrer Nase vorbei. Ohne sich umzudrehen, weiß sie was sie erwartet. Ihrem ersten Impuls wegzulaufen, widersteht sie und kuschelt sich in ihre Mulde zurück. Der Geruch ist jetzt ganz nah und sie fühlt, mehr als sie ihn sieht, einen dunklen Schatten rechts von ihr. Ein gigantischer Schwarzmähnenlöwe läuft langsam, majestätisch, ohne sie eines Blickes zu würdigen, an ihr vorüber. Er ist so nah, dass sie sein vernarbtes, sandfarbenes Fell sehen kann. Der Wind plustert seine schwarze Mähne auf, sein Schwanz mit der schwarzen Quaste schlägt aufgeregt von links nach rechts. Sie verspürt nicht die geringste Angst, sondern hat nur Bewunderung für dieses faszinierende, wunderschöne Lebewesen.

Als er stehen bleibt und sein Blick über die Ebene schweift, streckt sie vorsichtig ihre Hand aus und berührt seine Flanke. Das Tier fühlt sich warm und weich an. Sie hätte ihn gerne länger gestreichelt, aber er setzt, königlich schreitend, seiner Wirkung bewusst, seinen Weg ins Tal fort. Sie will ihn nicht so ziehen lassen, steht auf und folgt ihm langsam, bis sie an seiner Seite ist. Ihre Hände greifen in seine Mähne und sie schwingt ihr Bein über seinen Rücken. Vorsichtig lässt sie sich auf ihm nieder. Der Löwe zeigt keinerlei Regung und setzt seine Wanderung fort. Ihr Herz jubelt und sie fühlt sich frei und glücklich wie noch nie in ihrem Leben. Ihre Hände streicheln und liebkosen ihn, sie schließt die Augen, wirft den Kopf in den Nacken und stößt einen wilden Schrei aus.

Mit einem Lächeln auf den Lippen erwacht sie, ihren eigenen Urschrei noch in den Ohren. Sie versucht weiter zu träumen, das Gefühl der Freiheit und des Glücks noch einmal zu erleben. In diesem Augenblick klingelt der Wecker und der Zauber ist vorbei.

© Evelyn Weyhe 2020-04-23

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