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#vatersohnbeziehung#selbstbewusst

Alle anderen Kinder

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Alle anderen Kinder | story.one

„Magst du nicht hinausgehen, an einem so schönen Tag? Alle anderen Kinder sind draußen spielen“, fragt mein Vater seinen elfjährigen Sohn. Ich sitze da, in meinem vom Hochsommer überhitzten Zimmer, und lese ein Buch. Nichts klingt für mich abschreckender, als hinauszugehen. Ich will einfach nur lesen.

„Alle anderen Kinder“ – wie oft habe ich diesen Satzbeginn, diese väterliche Anapher, schon gehört? Ich weiß es nicht. Zu oft jedenfalls. Diese Worte verfolgen mich meine ganze Kindheit hindurch.

Subtil dringen sie Schritt für Schritt in mein Unterbewusstsein ein und geben mir das Gefühl, dass ich anders bin. Nicht nur anders, sondern eigenartig, abnorm. Ständig dieser Vergleich mit allen anderen. „Alle anderen Kinder“ ist der wortgewordene Albtagtraum meiner Kindheit. Eine sprachliche Inkarnation meiner tiefsten Ängste: Anders zu sein – und dabei ertappt zu werden.

Alle anderen Kinder mögen Spaghetti und Schokoladeneis. Sie gehen hinaus in die Sommerhitze, um mit ihrem Vater Fußball zu spielen. Alle anderen Kinder lassen sich beschäftigen, indem man einfach den Fernseher aufdreht. Und sie können ihre Väter in Ruhe Zeitung lesen lassen, ohne ihm dauernd auf die Nerven zu gehen. Alle anderen Kinder stellen auch nicht so viele Fragen wie ich und halten beim Autofahren stundenlang ohne Klopausen durch. Angeblich gehen sie sogar gerne in die Schule.

Alle anderen Kinder sind offenbar anders als ich, und manchmal glaube ich, ich hätte eines von diesen allen anderen Kindern werden sollen. Zumindest in den Augen meines Vaters. Ich bin mit meiner Andersartigkeit nie so recht zurechtgekommen, und er noch weniger.

Trotzdem antwortet mein elfjähriges Ich seinem Vater: „Ich bin nicht alle anderen Kinder.“ Von dem Selbstbewusstsein, das aus diesem Satz spricht, bin ich selbst am meisten überrascht. Normalerweise widerspreche ich nicht. Es ist wohl ein spontaner Ausdruck meiner Hilflosigkeit.

Aber auch mein Vater weiß mich in dieser Situation zu verblüffen. „Das stimmt“, sagt er mit einem Lächeln, zwinkert mir zu und schließt sanft die Tür. Mit dieser knappen Konversation beginnt ein langwieriger Emanzipationsprozess des Sohnes gegenüber seinem Vater. Ich weiß es damals bloß noch nicht.

Stattdessen sitze ich ratlos in meinem Zimmer und frage mich, ob alle anderen Kinder wohl auch solche Väter haben.

© Fabian Ganauser 2021-06-11

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