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#bergerlebnis

Stürmische Hüttennacht

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Stürmische Hüttennacht | story.one

Eine weitere Nebelnacht hüllt das Zeppezauerhaus am Untersberg zu Salzburg ein. Sturmböen lassen Hagelkörner an die Fenster trommeln. Überschüssiges Wasser läuft über die Zisterne, staut sich an abgerissenen Latschenzweigen und droht den Getränkekeller zu überfluten. „Mir bleibt aber auch nichts erspart”, presse ich zwischen den Zähnen hervor. Ausgerechnet jetzt, wo die Wirtin im Tal ist, um Wäsche zu waschen. In diesem Sommer ist das Hüttenwirtsdasein eine arge Prüfung.

Es knistert im Gebälk. Ich denke an die Wiesel, die in den kalten Monaten bei uns wohnen. Sie verbringen den Winter in den Hohlräumen zwischen der Küchendecke und dem Matratzenlager. Aber jetzt im Sommer? Spüren die was?

Asta, unsere Hündin, liegt zu meinen Füßen und knurrt leise vor sich hin. Ich versuche sie zu beruhigen, aber sie wird immer wilder und will hinaus auf den Gang. Da ist der Platz, an dem ich ihr Hundefutter aufhänge. Die Dohlen haben das Futter schon einmal gestohlen. Und Asta ist nachtragend. Sie hört oder riecht irgendetwas. Ich höre nichts, außer den Wind, der durch die Ritzen der pfeift. Bei Sturmwetter sichere ich die schwere Eingangstür zusätzlich mit zwei schweren Riegeln an der Ober- und Unterseite der Tür.

„Nun ist aber gut, da ist nichts“, sage ich zu Asta und ziehe erst den oberen und dann den unteren Riegel auf. Der Wind drückt mir mit aller Wucht die Tür ins Gesicht, gleichzeitig verliere ich meine Taschenlampe. Gebückt kann ich die Tür nicht halten. Asta flüchtet winselnd nach hinten und ich erstarre, sehe mich versetzt in eine der gruseligen Geschichten, die ich heute gelesen habe. Eine Handbreit vor meinem Gesicht starrt mich die Bestie an. Ein nachtschwarzer Schädel, zwei Augen, vom Streulicht der am Boden liegenden Taschenlampe erhellt, funkeln mir entgegen und drängen mich zurück in den Gang. Plötzlich schreit das Ungeheuer: „Määh!”

Schafe! Wo kommen diese Viecher her? Seit ich auf diesem Berg bin, waren noch nie Schafe vor der Hütte. Nur weiter unten, auf der Rosittenalm, grasen im Sommer die Schwarzkopfschafe vom Gassnerbauer. Aber dazwischen liegt die 400 Meter hohe Dopplerwand, und die ist nur auf einem exponierten, aus dem Felsen gehauenen Steig, zu überwinden. Das haben die Schafe noch nie geschafft. Ich bin derart überrumpelt, dass ich die Tiere in den Vorraum lasse. Es sind sechs vor Wasser triefende Wollschafe. In mir kommt leichte Panik auf. Hinter mir bellt Asta wie verrückt die Schafe an und vorne habe ich alle Hände voll zu tun, um die Tür gegen den Druck des Sturmes zu schließen. Ich schimpfe mit Asta, bis sie beleidigt ins Gastzimmer abzieht. Später folge ich ihr und tröste sie: „Du hast ja recht, Asta, aber wir sind nun Mal ein Schutzhaus. Und heute sind unsere Gäste eben Schafe. Was soll´s?“

Am nächsten Morgen verständige ich per Funk den Bürgermeister, soll er sich um die Tiere kümmern, ich habe jetzt keine Zeit, denn es schneit. Ich muss die verdammte Schneeschaufel suchen, um den Weg zum Klo freizuschaufeln.


© Ferdinand F. Planegger 2020-03-14

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