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#alltagsgeschichten#kompliment

Nehmen Sie die Maske runter

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Nehmen Sie die Maske runter | story.one

„Ich besorge schnell den Rest für die beiden Geburtstagskinder und 2 Liter Milch“, sagte ich zu meiner Frau, die sich gedankenverloren durch die Glückwunschkarten einer Trafik wühlte. „Ist gut, ich suche mal hier weiter“, antwortete sie mit einer Handbewegung auf die Billetts. Im Geschäft hielt ich Ausschau nach Geschenken, die zu den Jubilaren passten und wurde fündig: die Zotter-Schokolade mit den Geburtstagsglückwünschen für die Süßigkeitenliebhaberin und das Zipfer Sparkling in der schön geschwungenen Glasflasche für die Fruktoseintolerate. Stolz, ein Bier gefunden zu haben, das den Schriftzug „Sparkling“ trägt und somit fast als Prosecco durchgehen konnte, machte ich mich auf den Weg zur Kassa. Meist gehe ich mit so wenigen Artikeln zur Self-Service-Kassa, doch an diesem Tag war bei der Kassa mit Bedienung nur eine Person, also stellte ich mich dort an und legte meinen Einkauf auf das Förderband. Ich erntete einen skeptischen Blick des jungen, gutaussehenden Kassiers. Gut, 2 Flaschen Milch, 2 Flaschen Bier und eine Tafel Schokolade sind eine eigenwillige Kreation, aber doch kein Grund mich gleich zu mustern. Vielleicht ein Fleck? Meine Augen wanderten über mein Freizeit-Outfit, fanden aber nichts und so beschloss ich, nicht weiter darauf zu achten und wartete geduldig, bis der Mann vor mir seine Sachen eingepackt hatte; immerhin befanden wir uns mitten in der Corona-Pandemie und ich versuchte, wo auch immer möglich, Abstand zu meinen Mitmenschen zu halten. Als ich an der Reihe war, grüßte ich den Kassier freundlich mit einem „Hallo“. Er hingegen schenkte mir zusätzlich zur Begrüßung einen weiteren skeptischen Blick und begann meine Artikel über den Scanner zu ziehen. Milch und Schokolade hatte ich im Rucksack verstaut und blickte auf, um den Verbleib der Bierflaschen auszumachen. Er hatte sie bereits gescannt, behielt sie aber bei sich. Wieder bedachte er mich mit einem seiner Blicke und schien seinen ganzen Mut zusammenzunehmen, um zu sagen: „Bitte nehmen Sie die Maske runter.“ Nun war ihr ehrlich irritiert, es bestand doch Maskenpflicht und er forderte mich dazu auf, sie abzunehmen? Meinen verwirrten und fragenden Gesichtsausdruck beantwortete er, in dem er mir bei sich zeigte, was er meinte und tatsächlich, ich sollte die Maske kurz von Nase und Mund ziehen. Ich tat wie mir geheißen und er schaute mich ganz genau an. „Danke“, sagte er, während er gleichzeitig die Bierflaschen freigab, „das geht schneller als das Rechnen mit dem Ausweis.“ Erst jetzt fiel bei mir der Groschen und ich lachte auf. „Vielen Dank für das Kompliment!“ „Bitte?“ Jetzt war er irritiert und ich wiederholte mich: „Danke für das Kompliment, für so jung hat mich schon lange niemand mehr gehalten.“ „Wie alt sind Sie?“, fragte er vorsichtig. „36“, antwortete ich. „Oh.“ Wir lachten beide darüber, dass er sich um 20 Jahre verschätzt hatte. Zum Abschluss wünschte er mir einen schönen Tag. „Den werde ich jetzt bestimmt haben, danke.“

© Verena Lechner 2021-01-17

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