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Willst du … noch ein Foto machen?

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Willst du … noch ein Foto machen? | story.one

Bei minus 14 Grad stiegen wir aus unserem SUV und gingen auf den Skogafoss zu. Imposant baute er sich vor uns auf, das Wasser stürzte aus 60 Metern Höhe herab, die Wände waren von Eiszapfen gesäumt. In einer Stunde war Sonnenuntergang, perfekte Lichtverhältnisse waren also garantiert. Während wir den seitlich verlaufenden Weg hinaufwanderten, spielten wir das vertraute Spiel: „Weißt du noch, als wir im Sommer hier waren…“ „Kannst du dich noch erinnern, 2013…“ Wir schrieben das Jahr 2017 und verbrachten Weihnachten in Island. Seit wir das erste Mal isländischen Boden betreten hatten, ließ uns dieses Land nicht mehr los. Es war rau, stürmisch, kalt, aber auch vertraut, mystisch und brodelnd im Inneren – ein bisschen wie wir.

Wie das Land hatten wir bereits Vieles zusammen erlebt, über 20 Länder gemeinsam besucht, unzählige Kilometer waren wir miteinander gegangen, über Stock und Stein, auf Berge und durch Täler. Etliche Schwierigkeiten hatten wir überwunden, die uns den Weg zum Glück nicht einfach machen wollten, hatten gestritten, miteinander gerungen, uns wieder versöhnt und waren enger zusammengerückt. Wir waren, wie man so schön sagt, durch dick und dünn gegangen in den letzten 11 ½ Jahren. Dabei blieb ein Herzenswunsch bislang offen: Eine Hochzeit mit Brief und Siegel. Die Zeichen standen nach der letzten Gesetzesänderung gut für uns und ich begann bereits davon zu träumen.

Traumhaft war auch die Hochebene über dem Skogafoss, durch die sich ein Fluss schlängelte, der immer wieder in kleinen Wasserfällen abbrach. Als passionierte Fotografin verlor ich Raum und Zeit während ich diesen Kontrast aus hellblauem Eis, dunkelblauem Wasser und der braunen Erde mit der Kamera einfing. Ein Umstand, der bei diesen Temperaturen die Geduld meiner Partnerin auf die Probe stellte, streifte sie doch bereits unruhig und suchend durch die Landschaft und ließ mich nicht aus den Augen. Die Sonne ging langsam unter und ich wollte noch Fotos von mir vor diesem Wasserfall und jenem Felsen und war verwundert, dass sie, die am liebsten nur mich fotografieren würde, mir diesen Gefallen sehr genervt erwies. „Die Kälte“, dachte ich. Versöhnlich meinte ich: „Lass uns ein Selfie machen und dann ins Warme gehen.“ Ich zückte mein Handy, streckte die Hand aus, lächelte und während ich abdrückte, funkelte mich etwas an. Mein Unterbewusstsein hatte es vor meinem Gehirn realisiert und mir ein Strahlen aufs Gesicht gezaubert, das nun auf dem Foto verewigt wurde. Gemeinsam mit einem kleinen Detail: Neben dem Gesicht meiner Partnerin war ihre Hand zu sehen und zwischen ihren Fingern ein Ring. Vor Freude hatte ich Tränen in den Augen und musste von Herzen lachen, welch passenden Moment sie sich ausgesucht hatte. Als ich mich gefangen hatte, legte sie nach, kniete sich nieder, mitten in dieser unglaublichen Landschaft und fragte: „Willst du mich heiraten?“ Allerdings nicht, ohne scherzend hinzuzufügen: „Oder willst du vorher noch ein Foto machen?“

© Verena Lechner 2021-02-14

einfotoundseinegeschichteReisenIsland - Insel zwischen Feuer und Eis

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