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Opfer, Täter, Retter

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Opfer, Täter, Retter | story.one

Ich gebe es offen zu. Ich war Opfer, wurde zum Täter, um aus beider Lehren zum Retter zu werden.

Mobbing ist ein Thema, welches heutzutage mediale Aufmerksamkeit erhält. Vor 25 Jahren verhielt es sich anders. Ich kam in die HTL und wir waren 2 Mädchen in der Klasse. Als sie schwanger wurde, war ich plötzlich allein mit 24 pubertierenden Jungs. Da fing die blöde Rederei an, zuerst harmlos, dann stärker. Als ich zu einem Fototermin mit einem Rock erschien, schrie man mir über den ganzen Gang des Traktes entgegen: "Kommst du gerade vom Strich?" Ich lächelte - nach außen - um nach innen zu schreien. Ich war kurz davor die Schule hinzuschmeißen, doch nach den Ferien wurde es besser. Mein Vorteil: Ich hatte gute Noten und ließ bereitwillig abschreiben und kopieren.

Außerdem hatten sie ein anderen Opfer gefunden. Ein Junge mit etwas strengerem Geruch, Schuppen, tollpatschigem Auftreten. Der Fokus hatte sich verlagert und ich - nur um selbiges nicht wieder durchmachen zu müssen - machte mit. Ich machte genau das, was sie mit mir gemacht hatten. Ich schwieg, wenn sie johlten. Ich wurde vom Opfer zum Täter. Diese Wandlung geschieht heute genauso wie vor 2 1/2 Jahrzehnten. Unterdrückte werden zum Unterdrücker, Gelästerte zu Lästerern. Ich kann es nachvollziehen - verurteile es nicht - aber akzeptiere es auch nicht. Nicht, wenn es meine Kinder betrifft, deren Freunde oder Schulkollegen. Den Tätern gehören die Schranken gewiesen.

Nach der HTL und drei Jahren Arbeit in der Privatwirtschaft zog es mich zur Gendarmerie. Bis dahin hatte ich mein Leben schon reflektiert und bereute zutiefst, was ich selbst mit dem Mitschüler angestellt hatte. Ich bekam nach 4 Jahren die Chance, Gewaltprävention in der Unterstufe vorzutragen. Wundersamerweise (ich hatte eigentlich zu wenig Praxiserfahrung) meldete mich der Postenkommandant für diese Sonderaufgabe. Ich durfte in 2. oder 3. Klassen gehen, ihnen erklären, was Strafrecht ist und wo ein Diebstahl aufhört und ein Raub anfängt. Auch Mobbing war jedes Mal ein großes Thema und ich bin sehr froh, dass es mittlerweile Gesetze dagegen gibt genauso wie Anlaufstellen und Vertrauenslehrer.

Man konnte es den Jugendlichen wirklich am Gesicht ansehen, wie es in ihren Hirnen ratterte, wenn wir ihnen die Konsequenzen ihres Handelns vor Augen führten. Der Vortrag und die Diskussionen dauerten 2 Stunden pro Klasse. Ich fand (im Gegensatz zu vielen Kollegen), dass dies eine der wichtigsten Aufgabe der Polizei war. Prävention statt Sanktion. Und wenn ich nur einen Jugendlichen davon abhalten konnte, sein Leben auf die schiefe Bahn zu lenken oder nur einen Jugendlichen vor den Mobbing-Attacken bewahren bzw. er sich daraus befreien konnte, hatte sich jede einzelne Minute ausgezahlt.

Ich war Opfer und hätte mich wehren sollen. Ich war Täter und hätte es unterbinden sollen. Ich war Retter für hoffentlich viele.

© Gabriele F. Stöger 2020-08-10

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