skip to main content

#liebe#geburt#leben

Erdenbürger

  • 59
Erdenbürger | story.one

Des Öfteren schwirren unzählige Gedanken mit Höchstgeschwindigkeit durch mein Encephalon. Manche davon verschwinden dann ebensoschnell wie sie gekommen sind, andere wiederum verharren eine Zeit lang, um sodann, manchmal auch für immer, zu entschwinden. Zumeist jedoch kehren sie irgendwann wieder zurück, um mich dann erneut, vielfach um einiges mehr, in Beschlag zu nehmen und sich irgendwo in der Unendlichkeit der Gedankenwelt zu manifestieren.

Heute ist wieder mal so ein Tag. Unzählige dieser, manchmal auch belastenden, Gedanken schießen kreuz und quer durch mein Cerebrum, geradeso, als wären sämtliche Gehirnwindungen in Alarmbereitschaft versetzt worden: Welches Leben kann ein Mensch, der die Gnade hat, heutzutage das Licht der Welt zu erblicken, erwarten? Wird ihm auch das unermessliche Glück, so wie meine Generation es hatte, zuteil, in Frieden aufwachsen zu dürfen? Wie werden sich all die unbeschreiblich verwerflichen Sünden der Menschheit zukünftig auf alles Leben dieser Erde auswirken? Wird er jemals unerträglichen Hunger erleiden, so wie unsere Großeltern es in den Wirren des Krieges mussten? Oder wird gar irgendein wahnsinniger Machthaber auf diesem Globus den >roten Knopf< drücken und damit dem geschundenen Erdball den Rest geben? Wird es in Zukunft neben ausreichender Nahrung auch weiterhin genießbares Wasser geben, oder werden Menschen, die so gerne sich als Krone der Schöpfung bezeichnen, darum erbitterte Kämpfe, bis hin zum Tod, führen? Dann denke ich an meine eigene Kindheit zurück. Wie bescheiden mein Leben als Jugendlicher gewesen ist und wie dankbar meine Schwester und ich über jedes kleines Geschenk, oftmals auch Gewand aus zweiter Hand, oder etwas Taschengeld für einen Kinobesuch, waren - die Liste ließe sich unendlich lang fortführen.

Als Kind der Sechzigerjahre weiß ich nur zu gut, was es heißt, sich in Verzicht zu üben, aber auch, sich über Kleinigkeiten aufrichtig zu freuen. Ich bin der Letzte, der die Meinung vertritt, dass früher alles besser gewesen wäre. Nein, ich schwärme nicht von der >guten alten Zeit<. Es war beileibe nicht alles besser - damals! Die Errungenschaften der Technologie bringen auch immense Vorteile. Die Fortschritte in der Medizin retten unzähligen Menschen das Leben. Das alles und vieles mehr empfinde ich als großartig. Die weltweiten Wetterkapriolen, verursacht durch den mittlerweile wohl unbestrittenen Klimawandel, verursachen bei mir jedoch blanken Schauder.

Es verwundert mich nicht weiter, dass mich gerade heute, in dieser Stunde, Derartiges gedanklich beschäftigt. Um zwölf Uhr mittags erblickte ein neuer Erdenbürger gesund und munter das Licht der Welt. Für meinen vierten Enkelsohn, Christian, hat das Leben außerhalb des Mutterleibes begonnen. Für ihn und alle anderen, die ihr Leben im Grunde noch vor sich haben, lohnt es sich allemal, sich über so vieles, was ihnen ein schönes Leben ermöglichen könnte, den Kopf zu zerbrechen!

© Harald Hartl 2021-09-15

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.