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#phantasievoll#gedankenwelt#politikerverantwortung

Gedankenmix

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Gedankenmix | story.one

Je mehr Lebensringe sich auf meinem Lebens-Alter-Konto anhäufen, desto öfter werde ich von einem regelrechten Konvolut verschiedenartiger Gedanken heimgesucht. In Windeseile jagen diese dann in meiner Schaltzentrale hin und her, auf und ab, kreuz und quer. Es sind Gedanken, die mir so noch vor einigen Jahren nicht in den Sinn gekommen wären. Manchmal sind sie oberflächlich, ringen mir vielleicht ein müdes Lächeln ab und verschwinden sodann ebenso schnell, wie sie gekommen sind. Andere wiederum verharren eine Zeit lang in meinem Cerebrum und ich stelle mir dann vor, dass sie regelrecht an meinen Gehirnwindungen festkleben. Ich bekomme sie erst wieder unter Kontrolle, wenn ich mich eingehend und ausgiebig mit ihnen beschäftigt, das Für und Wider sorgfältig abgewogen und sie einer eingehenden Prüfung unterzogen habe. Längst schon ist mir bewusst geworden, dass all das nicht zuletzt meinem Alter geschuldet ist, das unaufhaltsam und auch unerbittlich voranschreitet. Aber wie heißt es doch so trefflich: Die einzige Möglichkeit, sich dem Älterwerden zu entziehen, ist vorzeitig zu sterben. Und das wollen dann auch wieder nur wenige.

Heute zum Beispiel - heute, während ich mir eine Parlamentsdebatte im TV angesehen und festgestellt habe, dass so mancher Parlamentarier mit seinen sinnbefreiten, beleidigenden und respektlosen Äußerungen gegenüber Andersdenkenden ein zutiefst beschämendes Politiker-Bild abgegeben hat, waren sie plötzlich wieder da, die Gedanken, die noch vor zehn Jahren einen großen Bogen um meine Gedankenwelt gemacht hätten.

Wie soll sich die gesamte Gesellschaft zum Besseren verändern? Wie kann mehr Toleranz eingefordert und Intoleranz, ja mitunter sogar Hass auf Andersdenkende zurückgedrängt werden, wenn unsere höchsten Volksvertreter sich verbal nahezu zerfleischen und all das lang und breit via TV der Bevölkerung aller Altersschichten zum Frühstück serviert wird?

Aber auch Gedanken zu nicht wieder gutmachenden Umweltsünden finden immer öfter den Weg in meine Welt der gar nicht so seltsamen Gedanken. Die große Sorge, dass Prophezeiungen der Wissenschaft schon bald einer schrecklichen Wahrheit weichen könnten, gilt keinesfalls mir selbst, sie richtet sich zuerst auf nachkommende Generationen, auf unsere Kinder und Enkelkinder. Sie sind es, die irgendwann all unsere Sünden schmerzlich zu spüren bekommen und den Preis dafür bezahlen werden? Werden sie auch noch in Frieden und Wohlstand aufwachsen dürfen, frage ich mich dann, und obwohl ich gelernt habe, das Glas eher halbvoll denn als halbleer zu sehen, neige ich dazu, meine Hoffnungen diesbezüglich eher realistisch einzuschätzen; was immer das auch bedeuten mag.

Auch denke ich periodisch über die Endlichkeit des Lebens nach - über meine Endlichkeit. Obwohl ich davor keine Angst verspüre, sind es dennoch Gedanken, die sich erst in den letzten Jahren Raum verschafft haben. Ich versuche erst gar nicht, sie zu verdrängen.

© Harald Hartl 2021-09-22

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