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#kinder#meschenliebe

Max und Moritz

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Max und Moritz | story.one

Das kleine Dorf war noch ganz verschlafen. Ein neuer Tag erwachte. Erste Sonnenstrahlen blinzelten am östlichen Horizont hervor. Das Krähen des alten Hahnes machte allen am Hof unmissverständlich klar, dass es Zeit war, sich langsam dem Tagesgeschehen zu widmen. Sogar Bello, der riesige Bernhardiner, verließ die Hundehütte vor dem Bauernhaus, streckte und reckte sich nach allen Seiten und bellte zweimal.

Nur einer lag schon eine Zeit lang wach in seinem Bett. Die Aufregung wuchs minütlich. Heute war der Tag der Tage. Vorgestern hatte der Jugendtrainer der örtlichen Fußballmannschaft Max mitgeteilt, dass er für das große Jugendturnier am Fußballplatz im Dorf nominiert war. Er liebte nichts mehr als Fußball zu spielen und hatte hart dafür trainiert, sich in der Schülermannschaft ein fixes Leiberl zu erkämpfen. Nun war es soweit. Aber auch sein Bruder freute sich sehr auf diesen Tag. Moritz war sieben, ein Jahr jünger als Max. Auch er liebte den Fußball. Und auch für ihn galt es heute, ein hartes Match zu schlagen. Onkel Severin hatte ihm versprochen, pünktlich um zehn Uhr da zu sein.

Dass die beiden Buben Max und Moritz hießen, hatte eine besondere Bewandtnis. Mutter Elena liebte die Bubengeschichten in sieben Streichen von Wilhelm Busch seit ihrer jüngsten Kindheit abgöttisch. Ihre geliebte, leider bereits verstorbene Oma hatte ihr so oft aus diesen Lausbubengeschichten vorgelesen. Als Lehrer Lämpel, im vierten Streich, die Pfeife explodierte, oder das jähe Ende der vier Hühner von Witwe Bolte, im ersten Streich, waren ihr besonders im Gedächtnis geblieben. Somit war es eine beschlossene Sache, ihre Buben, die sie alleine großzog, auf die Namen Max und Moritz taufen zu lassen.

Pünktlich um zehn parkte Onkel Severin sein altes Vehikel am großen geschotterten Hof, vor dem alten, schon ein wenig renovierungsbedürftigen Bauernhaus. Moritz hatte ihn schon sehnsüchtig erwartet und bereits eine halbe Stunde zuvor den Hof vom Fenster aus beobachtet.

“Lass uns keine Zeit verlieren, mein Junge“, sagte Onkel Severin und küsste Moritz liebevoll auf die Stirn. Er liebte den Jungen wie seinen eigenen. Natürlich mochte er auch den älteren Sohn seiner Schwester, Max, aber Severin wusste, dass dieser viel mit Freunden unternahm und auf ihn, im Gegensatz zu Moritz, nicht angewiesen war. Längst schon hatte Moritz den kleinen Tischkicker-Wuzzler bereitgestellt. Heute wollte er seinen Onkel besiegen.

Moritz war sehr flink mit seinen Händen und zog, drückte und drehte behende die Stange mit den darauf befindlichen Fußballerfiguren. Mit jedem geschossenen Tor jubelte er lauter. Tatsächlich gewann er heute zum ersten Mal gegen seinen Onkel ein Match und vergaß dadurch für eine kurze Zeit, dass er nicht wie sein Bruder Max auf einem echten Spielfeld umhertollen konnte.

Moritz war seit drei Jahren, nachdem ihn ein betrunkener Autolenker am Gehweg niedergefahren hatte, querschnittgelähmt und wird für immer im Rollstuhl sitzen.

© Harald Hartl 2021-08-31

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