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#kinderenttäuschungverletzt#versprechen

Mein Geschenk zur Firmung

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Mein Geschenk zur Firmung | story.one

Es war in einer Zeit als E-Mails noch Briefe waren, in der anstatt gegoogelt in einem Lexikon nachgesehen und noch Jahrzehnte die Landkarte nicht durchs Navi abgelöst wurde. Mit einem Wort: Steinzeit! Zumindest würde so manch junger Mensch es heute so bezeichnen.

Ich war gerade dabei, die Schuhe der Kindheit abzulegen und war stolz darauf, dass meine Stimme krächzend wurde. Störend ist mir jedoch in Erinnerung geblieben, dass fast täglich ein neuer Pickel sich irgendwo in meinem Gesicht einen fixen Platz erkämpfte. So mancher wehrte sich dann schmerzvoll, wenn ich meist vergebens versuchte, ihm durch Drücken und Quetschen den Garaus zu machen.

Ich war ein Jüngling geworden und freute mich darauf, bald gefirmt zu werden. Soweit mir erinnerlich ist, schwänzte ich keine meiner Firmunterrichtsstunden. Am meisten aber freute ich mich wohl auf das mir versprochene Geschenk, meines von Vater auserkorenen Firmpaten, anlässlich dieses feierlichen Ereignisses. Wolfgang S. sollte der edle Spender eines nigelnagelneuen Rennrades sein. Mit 21 Gängen und nach unten gebogenem Rennlenker. Wow! Nie mehr wieder könnte mir mein damaliger Freund – er nannte so ein Rennrad sein Eigen – spielend leicht um die Ohren fahren und mich lächelnd, bergauf und bergab, hinter sich lassen. Zu diesem Zeitpunkt besaß ich ein billiges ´Konsum-Rad´, das meine Mutter Monat für Monat vom kargen Wirtschaftsgeld, das Vater ihr mit der Auflage, sparsam damit umzugehen, jeden Monatsersten für den Einkauf von Lebensmitteln aushändigte, abstotterte.

Der ganz besondere Tag war gekommen. Ich wurde, gemeinsam mit vielen anderen Jungs – ob auch Mädchen dabei waren, entzieht sich meinem Langzeitgedächtnis – gefirmt. Die Zeremonie lief genau so ab, wie wir es mehrfach in der Vorbereitung auf das Ereignis geprobt hatten. Schön gekleidet fuhren wir im Anschluss daran in ein Gasthaus. Niemand wollte oder konnte mir erklären, wo ›Onkel‹ Wolfgang mit dem wundervollen Geschenk, meinem Rennrad, abgeblieben war. Ich denke, ich muss nicht weiter ausführen, wie mir zumute war, damals, am Tag meiner Firmung.

Erst Jahre später, ich war längst schon erwachsen, erfuhr ich, dass mein ach so großzügiger Firmpate, namens Wolfgang S., ein regelrechter Wiener Strizzi war. Einer, der viel versprach und wenig hielt. Ein Kleinganove, der von Zeit zu Zeit seine Verfehlungen, die mir auch zu keinem späteren Zeitpunkt näher erläutert worden waren, mit Kurzzeitstrafen im Gefängnis abbüßte. Seine größte Verfehlung aber war, dass er sein Versprechen, das er einem erwartungsfreudigen jungen Menschen gab, nicht eingehalten und niemals in seinem Leben sich die Mühe gemacht hatte, sein Versäumnis zu rechtfertigen, oder zumindest zu erklären. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich schwer enttäuscht. Anscheinend war diese Enttäuschung von damals so groß, dass ich ein halbes Jahrhundert später darüber schreibe und endlich, nach so langer Zeit, damit abschließen kann.

© Harald Hartl 2021-08-29

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