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#1sommer1buch

Flügge

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Flügge | story.one

Niemand in meiner Familie wunderte sich, als ich nach dem Abi beschloss in Frankreich zu leben. Ich erinnere mich, dass ich spätestens in der Volksschule die innere Gewissheit entwickelte ins Land, wo Milch und Honig fließen, zurückzukehren. Vielleicht war's aber auch der Moment als wir das Paradies verließen, da ich wusste: Ich kommen wieder!

Meine Mutter versuchte mich zu erden, wenn ich über meine Pläne sprach. "Wenn du dort lebst, wird es auch Winter geben. Im Alltag ist der Sommer nicht zu Hause." Doch nichts und niemand konnte mich abhalten, als ich nach dem Abi meine Koffer packte. Ich reiste ins Ungewisse mit einem vagen Plan im Gepäck. Kurz vor der Abreise traf ich meine Freundin Biggi. "Hey, ich geh im Herbst nach Paris für ein Auslandssemester. Cool, was?" In dem Maße, da sie vor Freude strahlte, nickte ihr damaliger Freund mir unglücklich zu. "Krass ich auch," freute ich mich und ihr Freund ging uns eine Limo holen. "Was willst du denn dort? " Verblüfft schaute sie mich an. "Das wird sich weisen. Auf jeden Fall nicht Au Pair!" Das war mir sonnenklar: Auf keinen Fall werde ich in Frankreich Windeln wechseln.

Biggi und ich trafen sich in Paris wieder und wir verbrachten einen abenteuerlichen Monat bei der Suche einer Unterkunft. Heute da ich Mutter bin, wird mir nachträglich noch schlecht, wenn ich daran denke, was wir so alles trieben. Als erstes wurde ich Tellerwäscherin und versuchte Bekannte meiner Eltern zu bezirzen mir ein Praktikum zu verschaffen. Ich lernte eine Menge neuer Leute kennen, die häufig, wie das meistens beim Kennenlernen der Fall ist, fragten was ich in Paris tue. "Och, auf einem Schiff an der Seine arbeiten." "Ach wie cool und was machst du dort?" "Tellerwaschen." "Ooookay," antworteten viele peinlich berührt, ob der niederen Arbeit, die ich im Notfall auch ein Jahr lang verrichtet hätte, hätte ich nicht irgendwann ein Praktikum bei einer kleinen Zeitung, wo ich fortan das Photoarchiv betreute, gefunden. Bald erweiterte sich dort mein Aufgabenfeld wie von selbst, indem ich das Archiv umorganisierte, irgendwann auch selbst fotografierte. Die Arbeit um mich herum schien sich beinahe meinem Traum anzupassen.

"Was machst du in Paris?" wurde ich auch 3 Monate später noch regelmäßig gefragt. "Och, ich arbeite in einem Fotoarchiv und fotografiere auch ein bisschen." "Waaas? Wie cool ist das denn?" Bewundernde Blicke wurden mir nun zugeworfen. Hatte ich mich in so kurzer Zeit vom Putzlappen in einen Brillantring verwandelt? So zumindest nahm mich meine Außenwelt nun offensichtlich wahr. Ich war zutiefst irritiert. Nichts hatte sich geändert in mir. Ich war die gleiche wie eh und je und hatte eine Lektion gelernt:

Irgendwann wenn ich faltig und krumm und die Menschen nur mehr die alte Frau in mir sehen werden, bin ich dennoch sehr viel mehr. Auch tosender Beifall kann trügen, denn vielleicht bin ich weniger oder anders. Mein Wert aber bleibt unvergleichlich, wunderschön jenseits aller Blicke.

© Heidi Collon 2020-08-13

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