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Vertikaler Raum

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Vertikaler Raum | story.one

Photo by Petra StelzmĂŒller

Neulich habe ich kurz vor dem Schlafengehen noch eine Story.one Geschichte gelesen, "Bis das der Tod sie scheidet" von Hugo Portisch. Sie handelte von einem Unfall in den Bergen. Das Auto kam wegen Glatteis vom Weg ab und ein FlitterwochenpĂ€rchen entging nur knapp dem Tode, weil sie rechtzeitig die Stelle verließen, an der kurze Zeit danach wieder ein Wagen hindonnerte.

Entspannt vom Happy End gleite ich in den Schlaf und betrete das Land der TrÀume.

Ich stehe an einer Klostermauer. Vor mir eine Straße mit einer extrem scharfen Kurve. Gebannt schaue ich auf die Straße und da kommt auch schon ein Wagen angerast, schleudert und fĂ€hrt gegen die Wand. Ich weiß, dass ich an der sicheren Stelle stehe, denn ich hab das ja vorher gelesen. Ein zweites Auto knallt gegen die Wand und hach was fĂŒr ein gutes GefĂŒhl, ich weiß auch die Insassen sind unverletzt. Du meine GĂŒte! Was nur wĂ€re passiert, hĂ€tte ich Story.one nicht vor dem Schlafen gelesen. Es ist nicht auszudenken!

Ich werde durch stories und Begegnungen angeregt und bewegt. Elena Ferante meint ihre Leser bekĂ€men ein wahrhaftigeres Bild von ihr durch ihre Texte, als dies durch die Medien geschehen könne. Deshalb bleibt sie anonym. In jeder Geschichte steckt ganz der Autor und mir kommt vor ich lerne hier viele Menschen kennen. Elena sagt: "Meine BĂŒcher mĂŒssen sich selber ihre Leser suchen." Faszinierend, wie das hier immer wieder zu beobachten ist.

Manchmal löst eine Geschichte den Impuls zum Schreiben aus und dann entdecke ich beim Schreiben wieder etwas ĂŒber mich selber. Es ist wie bei den BĂ€umen, die ĂŒber weite Entfernungen mit Hilfe ihres Wurzelgeflechts, aber auch Pilzsporen miteinander kommunizieren. Es fasziniert mich, dass sie ĂŒber ihr Netzwerk auch BĂ€ume versorgen, die zu wenig NĂ€hrstoffe haben. Über Duftstoffe können sie sich manche sogar vor Feinden warnen.

Story.one fasziniert mich. Ich habe hier einen Raum fĂŒr mich gefunden. Mein Leben ist so voll, dass es oft kaum mehr Raum fĂŒr mich gibt. Keine Frage der Einsatz fĂŒr meine Kinder beflĂŒgelt mich. Ohne meine Kinder wĂ€re ich ein anderer Mensch und die HĂ€lfte meiner MutanfĂ€lle wĂ€re unnötig gewesen. Aber ich bin mehr als nur Mutter. Unverhofft tut sich mir hier ein Raum in der Vertikalen auf. Ob ich putze, koche oder zum Kindergarten gehe, in meinem Kopf ist immer Platz fĂŒr Ideen. Das war schon immer so. Jedoch macht es einen Unterschied, wenn Gedanken Gestalt in Form von Geschichten annehmen. Eine noch grĂ¶ĂŸere VerĂ€nderung passiert, wenn Gedanken gehört bzw. gelesen werden und Menschen miteinander in Resonanz gehen. Entwicklung beginnt im Kopf und geht weiter ĂŒber das Wort bis sie in Taten mĂŒndet.

"Das Wort hat Fleisch angenommen 
. ." In der Bibel ist das nachzulesen und endlich wird mir klar, was dieser Satz bedeutet.

© Heidi Collon 2020-01-19

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