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#familie#tod#berührung

Wenn eine Geschichte endet ...

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Wenn eine Geschichte endet ... | story.one

… so beginnt irgendwie, irgendwo eine andere.

Heute habe ich einen perfekten Abschluss erlebt - das was man ein rundes Ende nennt. Zum Zeitpunkt als die Geschichte noch geschrieben wurde, hinterließ sie in mir häufig ein Gefühl von Brüchigkeit, Fragmentation und Einsamkeit. In logischer Konsequenz nahm ich an, dass auch das Ende in Armut gipfeln würde. Freilich aufgefangen von einer Großfamilie, wie man ihresgleichen suchen kann, in ihrer Exzentrik und Barockheit.

Alles kam anders. Niemand blieb unberührt von ihrem Ende.

So eine Beerdigung hatten die Ministranten noch nie erlebt. Mit traurigen, beruhigenden Klängen erfüllte die Bordun Musik den barocken Kirchenraum. Der Altarraum war geschmückt mit Spannschachteln- Handwerkskunst, die das Leben dieser Frau ausmachte. Alle sind sie gekommen um Adieu zu sagen. Die ganze Großfamilie verabschiedete sich. Menschen, die von ihr herausgefordert, vor den Kopf gestoßen, aber auch geliebt wurden. Kein Platz blieb leer in der barocken Kirche.

Diese Familie, sie besteht aus exzentrischen, außergewöhnlichen Menschen, wie man sie eigentlich nur in Filmen zu finden meint. Vielleicht ist es dadurch möglich, dass die Schönheit einer Frau, wie jene es war, gerade am Ende zum Leuchten kommt. Ein jeder gab zum Abschied sein Bestes. So wurde diese Beerdigung zu einem Konzert, zu einer Ode an das Leben.

Wenn etwas in die Brüche geht so ist das oft spektakulär, denn in der Regel wird viel Staub aufgewirbelt und es entsteht ein Mordslärm. Es liegt also in der Natur der Sache, dass Zusammenbrüche auffallen. Wenn eine Pflanze wächst, so geschieht das leise und unbemerkt.

Diese Frau, sie merkte wohl intuitiv, dass ihr Ende plötzlich nahen würde. Eine Woche vor ihrem Tod schrieb sie Briefe der Versöhnung, die durch die weihnachtliche Überlastung der Post erst einen Tag nach ihrem Tode eintrafen. Besser und nachhaltiger hätte sie die Versöhnung nicht inszenieren können. Getroffen von dem posthumen Versöhnungsakt, trug ein jeder auf seine Art dazu bei, dass diese Beerdigung unvergesslich grandios wurde. Die Musiker der Familie übertrafen sich gegenseitig, die Fürbitten waren aufrichtig und wertschätzend zugleich. Ein jeder wusste, dass diese Frau von Geburt an verletzt war. Dennoch blieben am Ende trotz allem was war, nur ihre Großzügigkeit und Liebe im Kirchenraum. Alles andere verblasste.

Ein hoffnungsvoller Hauch wehte, getragen von Musik über der Gemeinde. Denn wer darf in der Brüchigkeit des eigenen Lebens auf ein rundes Ende hoffen?

Sie machte es zum Abschluss deutlich: Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.

© Heidi Collon 2020-01-05

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