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#malerei#modernekunst

Kunst oder Kitsch?

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Kunst oder Kitsch? | story.one

Ich gehe sehr gerne zu Lesungen und Vernissagen. Man will ja sehen, wie andere sich und ihre Werke präsentieren. Ein besonderes Erlebnis hatte ich vor einiger Zeit bei einer Vernissage.

Mir war damals langweilig. Relativ fremd in einer Stadt war ich dankbar für die Möglichkeit, etwas für den eigenen Kulturgenuss zu tun. Ich besuchte eine Ausstellung, die auf Plakaten groß angekündigt war.

Im Gedränge hauptsächlich weiblicher Besucher sprintete zielsicher ein Mann zu mir und sprach mich an. „Gefallen Ihnen die Bilder?“, wollte er wissen und schaute dabei intensiv auf mein Dekolleté.

Ich wusste nicht so recht, worauf er hinauswollte. War er der Maler oder einfach nur ein neugieriger Besucher? War sein Interesse echt oder wollte er nur seinen Charme ausprobieren? Da hätte er unter den wesentlich jüngeren Besucherinnen sicherlich mehr Auswahl.

Ich betrachtete das Bild, vor dem wir beide standen und überlegte meine Worte, damit sie nicht Gefühle verletzend wirkten. Er griff nach meinem Arm und führte mich ganz nahe an das Werk heran. Ein tiefschwarzer Untergrund mit einigen lichten Streifen, gekrönt von einem hellen Fleck am oberen Bildrand. Ich bemühte mich den Titel zu entziffern, was nicht einfach war. „Vollmondnacht“ las ich, und getraute mich nicht auf den Preis zu schielen, der sicher nicht ohne Grund kleingeschrieben war.

„Sehr ungewöhnlich“, merkte ich an. Er nickte begeistert und klärte mich auf: „Eine Form drückt sich immer auch als etwas Formloses auf. Darin wird eine unsichtbare Energie auf ungewöhnliche Art sichtbar." Noch ehe ich mir eine Antwort zurechtlegen konnte, redete er weiter. „Dieses Bild ist aus einer persönlich gewachsenen Überzeugung heraus entstanden. Es hat während des Malens ein Umwandlungsprozess stattgefunden.“

Ich murmelte „Tatsächlich?“

Er war sowas von begeistert und zeigte auf den fahl schimmernden Fleck am Bildrand. „Mich reizt es vor allem, die Dinge realistisch darzustellen und sie andererseits zu transzendieren.“ Ich konnte nicht schon wieder „Tatsächlich?“ sagen, also schwieg ich. Das dauerte ihm wohl eine Spur zu lange. So ein Kunstwerk zu kaufen, muss doch nicht so lange überlegt werden. Man sieht doch, welch ein großartiges Werk sich da vor einem zeigt. Er drückte mir entschlossen den Katalog mit den Preisen in die Hand und suchte sich ein kauffreudigeres Opfer.Zuhause wollte ich vor meinem Mann mit meinem neuen Wissen brillieren und erzählte, dass ich fast das Bild gekauft hätte, wo ein Vollmond in einer stark abstrahierten Landschaft konkret herausgehoben war: Als eine Form, die sich gleichzeitig als etwas Formloses präsentierte. Es war ein zentraler Blickpunkt, weil der Mond ja das Beharrende, trotzdem wachsende und gleichzeitig Seiende, symbolisiere.

Mein Mann starrte mich mit fragendem Blick an! Seinem Gesichtsausdruck nach, zweifelte er an meinem Verstand. Sein Kommentar: “Tatsächlich?"

Es ist nicht einfach, Kunst zu erklären …

Bild: Pixabay

© Heidrun Siebenhofer 2021-04-03

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