skip to main content

#mutterundsohn#vaterliebe#gastarbeiter

Unprivilegiert

  • 159
Unprivilegiert | story.one

Aus Südostanatolien kommen meine Eltern.

Meine Mutter durfte noch die Dorf-Grundschule besuchen. Ihre Erwachsenenschrift ähnelt der eines Kita-Kindes.

Mein Vater sah die Grundschule nur im Vorbeigehen Richtung Plantage. Als 6-Jähriger fing er an, besser gesagt, wurde er angefangen, wie ein Knecht auf den von der Sonne glühenden Feldern seines Opas zu ackern.

Nachts, während sein Opa im Schoß seiner Frau schlief, nachtete mein Vater als kleines Kind Kilometer weit weg auf Menschen verlassenen Feldern, um Vieh zu behirten. Um den zarten Kinderrücken hing an einem strammen Lederriemen eine Doppelflinte – Schutz vor Wölfen und Dieben… – mit Schlägen und Schlangenzischen wurde sein Lebenstakt eingestellt.

Nach Deutschland kam mein Vater Mitte 20 als Analphabet. Meine Mutter holte er Jahre später nach mit meinen zwei Brüdern. Die Knechtschaft ging weiter; nicht mehr unter den eigenen Verwandten, sondern in der Fremde.

Wie Vieh hat man meinen Vater damals an der Grenze ausgezogen und begutachtet, ob er denn hart genug arbeiten könne.

Wie viele Bandscheibenvorfälle und Operationen er in den 40 Jahren hatte, haben wir aufgehört zu zählen.

Noch heute spricht er Deutsch mit derbem Akzent.

Meine Mutter hatte noch weniger etwas, was man als eigenes Leben hätte bezeichnen können. Isoliert, ohne einen Gramm Beteiligung an der Gesellschaft, hat sie sich nur um ihre sieben Söhne gekümmert.

Eine Ladung Wäsche von einer Fußballmannschaft wusch sie im Waschhaus – der Luxus einer Waschmaschine ward meiner Mutter erst vergönnt, da war schon der kleinste Knochen ihres Skeletts knorpellos verkalkt.

Sie spricht noch heute soviel Deutsch, wie jemand, der nicht einmal weiß, dass eine solche Sprache überhaupt existiert.

Aus Südostanatolien kommen meine Eltern.

Zwei Menschen,

die ihr Leben nicht lebten.

Seelen,

die nie Fuß fassten

in jener Fremde,

die den Kindern

Heimat wurde.

Und dennoch: Alle ihre Kinder haben Abi. Wie konnten zwei Menschen der unprivilegiertesten Kaste Lehrer und Juristen für dieses Land großziehen?

Die Antwort: Verantwortung und Sitte braucht kein Wort!

Um Kindern Werte vorzuleben, braucht es die Sprache des Herzens und die Kraft der Lungen.

Baba und Anne, ihr werdet diesen kurzen Text in der Sprache der Fremden, die eurem Sohn eine Welt des Denkens und Empfindens geworden, weder lesen noch verstehen.

Mein Zeugnis aber, das ich, euer fauler Sohn, mir in der Sprache jener "Fremden", in der Germanistik, erkämpft habe, gehört euch.

Meine sehr gute Masterarbeit, die ich für meine Reflexionen erhalten habe, gehört euch.

Meine Leistung, sie gehört euch.

Letzter Punkt:

Der Türke sagt: “Farben und Vorlieben sind unstrittig”.

Der Deutsche umgekehrt: "Über Geschmack lässt sich streiten".

Der Jude (Heine) wiederum mit polemischem Esprit: "Ein jedes Volk hat seinen Geschmack".

Ich sage:

Wer seinen Wert nur durch Ethnie oder Herkunft generiert und andere diskriminiert, ist geschmacklos.

Jeder verdient eine Chance.

© muratXkamil 2021-07-22

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.